„Über die Grenze“: Wie fünf Frauen 1942 über Hohenems in die Schweiz fliehen wollten

Fünf jüdische Frauen aus Berlin wagten die Flucht nach Diepoldsau, vier von ihnen scheiterten am Alten Rhein.
Hohenems Im Rahmen der gemeinsamen Serie der VN-Heimat und des Jüdischen Museums Hohenems steht heute der Fluchtversuch von fünf Frauen in der Nacht zum 7. Mai 1942 im Fokus. Ihre Geschichte aus dem Projekt www.ueber-die-grenze.at nahm in Berlin ihren Ausgang, wo sich rund um die 1870 in Hannover geborene Paula Hammerschlag, geborene Susman, eine kleine Gruppe gebildet hatte. Ihr Sohn Heinz Erich Hammerschlag, der bereits in der Schweiz lebte, tat alles ihm Mögliche, um seine Mutter zu sich über die Grenze zu holen.

Drei der Frauen, neben Hammerschlag auch die Philosophin Gertrud Kantorowicz (Jahrgang 1876) und ihre Tante Clara Kantorowicz (1862), kannten sich bereits gut aus dem Berliner Kreis um den Dichter Stefan George. Sie hatten ihren Fluchtversuch gemeinsam mit einem Netzwerk von Freunden in Deutschland und der Schweiz vorbereitet, wofür auch der Diepoldsauer Fluchthelfer Jakob Spirig sowie ein nicht näher benannter Kollege angeheuert wurden. Als vierte Frau gesellte sich Marie Winter (1879) hinzu, deren Tochter, die Schauspielerin Ilse Winter, schon bald nach 1933 in die Schweiz emigriert war und inzwischen in Basel Nationalökonomie studierte. Auch ihr Professor gehörte dem mittlerweile in Europa zerstreuten „George-Kreis“ an und vermittelte sie an die formierte Fluchtgruppe.
„Spanische Reiter“
Im letzten Moment schloss sich mit Paula Korn (*1879) eine fünfte von der Deportation bedrohte Berlinerin der Gruppe an. Gemeinsam erreichten sie im Mai 1942 Hohenems, wo sie – unter falschem Namen – in den Gasthäusern Habsburg und Freschen übernachteten. Die Besitzerin der Habsburg, Anna Mathis, war in den Fluchtplan eingeweiht und beauftragte am 6. Mai ihre Angestellte Isabella Aberer, die Frauen abends zum sogenannten „Landhaus“ nahe der Grenze zu führen.

Dort trafen sie mit jenen Fluchthelfern zusammen, die ihnen den Weg durch den Alten Rhein über die Grenze in die Schweiz weisen sollten. Jakob Spirig erinnerte sich 2002 in einem Interview, dass das Unterfangen „natürlich durch den Stacheldraht und durch die Absperrungen sehr schwierig“ gewesen sei. Er rechnete mit „jungen Damen“ und hoffte, dass er diese wohlbehalten und schnell durch den in der Schweiz „Spanische Reiter“ genannten Stacheldrahtverhau bringen könnte. Doch die letzte der fünf Frauen verfing sich darin mit ihrem Rock, welcher erst wieder gelöst werden musste und vier der fünf Frauen schließlich zum Verhängnis wurde. Nur Paula Korn hatte es unentdeckt im Bereich des angrenzenden Diepoldsauer Schwimmbades geschafft, in der Dunkelheit zu verschwinden, während die deutsche Zollwache die anderen vier Frauen festnahm.
Suizid und Ermordung
Die vier Berlinerinnen wurden in weiterer Folge polizeilich einvernommen. Im Zuge ihres Verhörs ließ sich Paula Hammerschlag im Hohenemser Wachlokal „unter der Vorgabe, dass ihr unpässlich sei, ein Glas Wasser verabreichen“. Dem mengte sie jedoch weiße Pillen – eine Überdosis Phanodorm – bei und konnte, wie im späteren Bericht der Hohenemser Gendarmerie zu lesen sein sollte, nicht mehr daran gehindert werden, das Getränk einzunehmen. Bewusstlos wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert und starb dort am 10. Mai 1942.

Ihre drei ebenso gescheiterten Fluchtgefährtinnen wurden hingegen ins Berliner Polizeigefängnis überstellt und zunächst einmal aller übrigen Vermögenswerte beraubt. In Freiheit sollten sie nicht mehr gelangen. Als Erste starb Marie Winter, die schon im Juni 1942 nach Minsk deportiert und in Maly Trostinec ermordet wurde. Clara Kantorowicz folgte im Februar 1943 im KZ Theresienstadt, wo auch Gertrud Kantorowicz kurz vor der Befreiung ermordet wurde. Paula Korn emigrierte 1947 in die USA und starb 1966. RAE
