Wie Familie Leopold in Bludenz Zuflucht vor den Nazis fand

Die Familie versteckte sich in der Alpenstadt bis Kriegsende – durch einen klugen Trick von Vater Walter Leopold.
Bludenz Die Fluchtgeschichte der gemeinsamen Serie der VN-Heimat und des Jüdischen Museums Hohenems steht diesmal unter umgekehrten Vorzeichen. Während die meisten im Projekt www.ueber-die-grenze.at behandelten Personen aus beziehungsweise über Vorarlberg in die Schweiz oder nach Liechtenstein flüchteten, kam die Familie Leopold ins Ländle, um zu bleiben. Walter Leopold verpasste sich für diesen Zweck mit „Dr. Kurt Freiherr“ eine neue Identität.
Jüdische Volkshochschule

1898 im deutschen Ottweiler geboren, war Walter Leopold gerade erst 16 Jahre alt, als in Europa der Erste Weltkrieg seinen Anfang nahm. So musste im Laufe des vierjährigen Kriegs auch er seinen Dienst als Soldat leisten. In den 1920er Jahren absolvierte Walter Leopold zunächst ein Jurastudium in Heidelberg und heiratete 1930 seine um vier Jahre jüngere Frau Hilda (geb. Blümlein). Die beiden hatten sich in jenem Berliner Waisenhaus kennengelernt, dem er bis zum selben Jahr als Direktor vorstand.
Nach der Hochzeit zogen die beiden nach Leipzig, wo Walter Leopold einige Zeit in der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde arbeitete und auch als Dozent an der Jüdischen Volkshochschule wirkte. 1937 kam die gemeinsame Tochter Anneliese zur Welt, doch schon ein Jahr darauf wurde Walter kurzzeitig im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Als sich die Leopolds am 19. September 1942 zur Deportation nach Theresienstadt melden sollten, tauchten sie unter und blieben eineinhalb Jahre in ihrem Versteck.

Erst unter falscher Identität sollte es der Familie wieder möglich sein, ihren Unterschlupf sicher zu verlassen. Dazu bedurfte es neben des im Dezember 1943 gefälschten Wehrpasses, der Walter Leopold nun als „Dr. Kurt Freiherr“ ausgab, auch einer neuen Biografie.
Die List Walter Leopolds
In der Nacht vom 5. zum 6. September 1943 wurde Mannheim bei einem Luftangriff durch unheimlich viele Bomben in ein Trümmerfeld verwandelt, ein Umstand, den der inzwischen 45-Jährige zu nutzen wusste. Als angeblich ausgebombter Wirtschaftsprüfer aus eben jener baden-württembergischen Stadt, dessen Ämter so gut wie keine Auskunft mehr geben konnten, bewarb er sich nun bei den deutschen Behörden und bekam 1944 seine Chance in Bludenz. In der Alpenstadt – die er schon von früheren Urlaubsreisen kannte – wurde ihm ein Posten im Landratsamt zugesagt, und so notierte er am Tag der Anreise am 16. September in sein Tagebuch, das 2020 in englischer Übersetzung erschien: „Berge von Bludenz tauchen auf. Links Hoher Fraßen, rechts Mondspitze, Schillerkopf usw. Bludenz. Heller Sonnenschein.“ Einige Tage darauf ergänzte er mit Hinweis auf die ungeheizten Amtsstuben: „… wir wohnen hier, und nach dem Winter kommt wieder der Frühling. Wenn wir ihn erleben! Wir Bludenzer Bürger. Meine Fresse, ist das eine tolle Geschichte.“

Die Tarnung blieb bis zum Mai 1945 intakt, und nachdem die Leopolds, die zunächst über der Reifenhandlung Koch in der Wichnerstraße, dann in einer Wohnung in der neu erbauten Südtirolersiedlung lebten, als protestantische Familie Freiherr nach Bludenz gekommen waren, wurde 1944 auch Weihnachten gefeiert.
Von Bludenz nach Cincinnati
Die rätselhafte Identität Walter Leopolds war den französischen Besatzern nach der Befreiung allerdings zu mysteriös, weshalb er schon bald seine Arbeit im Landratsamt verlor. Dafür zog die Familie in die ehemalige Wohnung eines hohen Nazifunktionärs um, wo sie unverhofft eine imposante Menorah vorfanden und im Dezember 1945 auch erstmals Chanukkah feiern durften.
1950 emigrierten Walter, Hilda und Anneliese Leopold schließlich in die USA, wo der Familienvater auf eine Anstellung an der Universität in Cincinnati wartete und währenddessen als Nachtwächter in einem Schlachthaus arbeitete. Doch schon 1952 erlag er einem Herzinfarkt. Seine Frau lebte bis 1999, die Tochter Anneliese heiratete 1959 den Holocaust-Überlebenden Matthew Yosafat, der 2021 verstarb.
Noch heute tritt die dreifache Mutter als Zeitzeugin auf und konnte in dieser Rolle im Juni 2021 auch von einer Schulklasse des Bundesgymnasiums Bludenz interviewt werden. RAE