Höhere Masten: Megainvestition in neue Hochspannungsleitung

220-Kilovolt-Leitung Bürs – Hohenweiler wird erneuert. 400 Millionen Euro für sicheren Stromtransit.
Bregenz Weiße Hemden, die Ärmel hoch gekrempelt und eine Zugsäge in Händen: Schwarz-Weiß-Fotos zeigen Arbeiter beim Aufbau von Masten für die erste Hochspannungsleitung des Landes. Das Bild entstand 1928. 100 Jahre später sollen erneut Masten aufgestellt werden. Sie werden dem Stand der Technik entsprechen und die Ausfallsicherheit der Leitung für Jahrzehnte erhöhen.

Die illwerke vkw wälzen Pläne für eine Generalerneuerung der 220-Kilovolt-Leitung von Bürs bis Hohenweiler. Ein entsprechendes Vorhaben hat der Vorstand vor gut zwei Monaten erstmals kommuniziert. Details waren bisher keine bekannt. Den VN hat das Energieunternehmen jetzt Einblick in jene Unterlagen gewährt, die kürzlich den 20 Anrainerbürgermeistern entlang der Transitleitung präsentiert wurden. Demnach sollen alle 259 Masten auf der 70,9 Kilometer langen Strecke abgebaut, die Fundamente erneuert und die 220-Kilovolt-Hochspannungsleitung wieder aufgebaut werden.

Sämtliche Fundamente würden erneuert, in ihren Abmessungen an der Oberfläche aber unverändert bleiben, beschreibt Markus Buder, Geschäftsfeldleiter Wasserkraft bei den illwerke vkw im Gespräch mit den VN, das Vorhaben. „Auch die Trasse, die Maststandorte und die Spannung bleiben, wie sie waren.“ Und doch wird es an vielen Stellen Änderungen geben. Die Masten wachsen in die Höhe, was Auswirkungen auf das Landschaftsbild haben wird und auch den Naturschutz auf den Plan rufen dürfte.

Noch befindet sich das Projekt in einem frühen Stadium. Vorplanungen sollen bis Herbst abgeschlossen sein. Ein Feststellungsverfahren müsse dann klären, ob das Vorhaben UVP-pflichtig sei oder nicht. Erst danach könne man ins Hauptverfahren gehen. Der interne Zeitplan sieht dafür mehrere Jahre vor. So wird nicht mit einem Baustart vor 2028 – exakt 100 Jahre nach dem Bau der ursprünglichen Leitung – gerechnet. „Die Umsetzung würde in einer Zeitspanne von zwei Jahren mit zwei großen Bauphasen erfolgen“, so Buder.

Die illwerke vkw lassen keinen Zweifel an der Bedeutung des Vorhabens. „Es ist für uns essenziell, dass wir gut an den deutschen Markt angeschlossen sind. Das gilt auch für die Netzstabilität in Deutschland selbst“, so der Geschäftsfeldleiter Wasserkraft. Die Leitung wird als „Schlagader der europäischen Energieversorgung“ bezeichnet. Nach 100 Jahren sei jetzt eben das Ende ihrer technischen Lebensdauer erreicht.

400 Millionen Euro will der Energieversorger für die Generalerneuerung in die Hand nehmen. Größte Hürde im Verfahren könnten die neuen Mastenhöhen werden, die ein Wachstum um 20 Prozent ausweisen. Statt bisher 42,6 Meter sind Masten vom optisch selben Typ mit 51 Metern vorgesehen. Längst nicht alle, aber doch eine wohl große Anzahl schränken die illwerke vkw ein. So würde bei jedem einzelnen Masten geprüft, ob er auch höher sein müsse.
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Gründe dafür gibt es mehrere. So bleibt es zwar bei der Spannungsebene von 220 Kilovolt, gleichzeitig werde aber die Stromtragfähigkeit der Leitung erhöht. „So können wir die Ausfallsicherheit auf den neuesten Stand bringen“, sagt Buder. Mehr Leistung wirkt sich aber auch auf die elektromagnetischen Felder aus. Damit es zu keiner Verschlechterung kommt, sollen die Leiterseile fünf Meter höher vom Boden entfernt angebracht werden. Das weitere Wachstum ist der höheren Spitze des Mastens und dem Blitzschutz geschuldet.
Zahlen und Daten zum Projekt
Generalsanierung 220-Kilovolt-Leitung Bürs – Hohenweiler
Geplanter Baubeginn: 2028
Bauzeit: 2 Jahre
Kosten: 400 Millionen Euro
Betroffene Anrainergemeinden: 20
Anzahl Strommasten: 259
Leitungslänge in Vorarlberg: 70,9 Kilometer
Nennspannung: 220 Kilovolt
Ursprünglich erbaut: 1928
Die illwerke vkw argumentieren mit Maßnahmen, die für Grundeigentümer und Anrainer keinesfalls Verschlechterungen zur Folge hätten. Das Gegenteil sei der Fall. So sollen neue Seile als Viererbündel eingesetzt werden. „Es wird dadurch Verbesserungen geben. Es fällt beispielsweise das Knistergeräusch weg“, sagt Buder. Wohl keine Verbesserung ist für das Landschaftsbild zu erwarten.

So sieht es jedenfalls Vorarlbergs Naturschutzanwältin Katharina Lins. „Wenn die Masten höher werden, sind sie sicher nicht schöner“, macht sie deutlich. Die Masten seien künstliche Bauwerke, man habe sich in den hundert Jahren aber bereits daran gewöhnt, räumt sie ein. Jetzt gelte es, jedenfalls das Verfahren abzuwarten. Eines, das sich über alle vier Bezirke des Landes zieht. „Eine Größenordnung, wie ich sie in meinen 30 Jahren Tätigkeit noch nie erlebt habe“, beschreibt die Naturschutzanwältin die außergewöhnlichen Dimensionen.
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Für die illwerke vkw ist die Generalerneuerung der bestehenden Hochspannungsleitung alternativlos. Eine Verkabelung im Erdreich sei geprüft, aber aufgrund der fehlenden Machbarkeit ausgeschlossen worden. Während des Bauvorhabens rechnet der Energieversorger zwar mit Einschränkungen. Seit den 1980er-Jahren gibt es allerdings mit der 380-Kilovolt-Leitung von Bürs nach Dellmensingen eine zweite wichtige Transitleitung und damit Anschluss ans europäische Netz.
