Wie Oswin Kieber nach Wolfsrissen zum Schafpsychologen wurde

Vorarlberg / 27.07.2023 • 16:45 Uhr
Oswin Kieber, Schafzüchter aus Schruns, hat überhaupt kein Verständnis dafür, dass der Wolf bei uns wieder ansässig werden soll.
Oswin Kieber, Schafzüchter aus Schruns, hat überhaupt kein Verständnis dafür, dass der Wolf bei uns wieder ansässig werden soll.

Der Schrunser Schafzüchter wird nie vergessen, wie Wölfe unter seinen Nutztieren wüteten.

Schruns Die Bilder lassen sich nicht verdrängen. Fürchterlich zugerichtete Schafe, eines sofort tot, zwei, die später eingeschläfert werden mussten, eines verschwunden. “Mir hat’s gereicht. Ich zog meine Schafherde vom Gauertal ab. 15 Jahre war ich dort. Aber das wollte ich nicht mehr erleben”, erzählt der Schrunser Schafzüchter Oswin Kieber.

Jetzt hat er seine 32 Tiere auf der Alpe Allmein ob Bartholomäberg. Ein Gefühl totaler Sicherheit macht sich beim 68-jährigen Schrunser trotzdem nicht mehr breit. “Das Gauertal ist die Eingangstür für Wölfe aus Graubünden, die dort einen gedeckten Tisch vorfinden. Aber sicher kannst du dir nirgends mehr sein. Auch hier nicht.” Und das, obwohl ein Hirte mit seinem Hütehund gewissenhaft über die ihm anvertrauten 200 Schafe wacht.

Ein majestätisches Tier ist er, der Wolf. Doch für heimische Nutztierzüchter, die ihre Tiere alpen, ist er zum Alptraum geworden. <span class="copyright">APA</span>
Ein majestätisches Tier ist er, der Wolf. Doch für heimische Nutztierzüchter, die ihre Tiere alpen, ist er zum Alptraum geworden. APA

Traumatisiert

Die Folgen der Wolfsattacke reichte beim Nebenerwerbszüchter weit über den Verlust von vier Tieren hinaus. “Man kann sich als Außenstehender gar nicht vorstellen, wie die überlebenden Schafe von diesem Ereignis traumatisiert wurden. Sie waren völlig verschreckt. Ich brauchte einen ganzen Winter lang, bis ich sie wieder in einen halbwegs normalen Zustand bringen konnte.” Nur mit vielen Leckerli und noch mehr Zuwendung konnten die Schafe dieses schreckliche Erlebnis einigermaßen verarbeiten.”

Schaf oder Wolf

Oswin Kieber ist nicht gut zu sprechen auf jene, die ihm erzählen, Herdenschutzmaßnahmen könnten das Problem lösen. “Das kannst du vergessen. Vor allem bei unseren klein strukturierten Landwirtschaften. Und Herdenschutzhunde? Die kann ich vier Monate im Sommer brauchen und muss sie die restliche Zeit durchfüttern. Das kostet ein Vermögen.”

Herdenschutzhunde werden von Tierschützern als wichtigste Waffe gegen angriffslustige Wölfe betrachtet. <span class="copyright">APA</span>
Herdenschutzhunde werden von Tierschützern als wichtigste Waffe gegen angriffslustige Wölfe betrachtet. APA

Kieber sagt heute, was er unmittelbar nach den Rissen in seiner Herde bereits vor einem Jahr gegenüber den VN sagte: “Entweder gibt es in den Bergen Schafe oder den Wolf.”

Gauertal geräumt

Er selber wird auch wegen seines Alters die Schafzucht nicht mehr lange betreiben. “Damit aufhören tun immer mehr. Im Gauertal gab es vor Jahren noch einige Schafhirten. Ich war dort der letzte. Jetzt gibt es in dieser Gegend gar niemanden mehr.”

An ihre neue Heimat im Umkreis der Alpe Allmein müssen sich seine 32 Schafe erst noch gewöhnen. “Ich muss sie hier noch suchen, weil sie überall unterwegs sind.” Das nimmt er in Kauf. Nicht mehr akzeptieren möchte er Vorfälle wie noch vor einem Jahr im Gauertal.