Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das macht mich dermaßen narrisch

Vorarlberg / 25.07.2023 • 07:29 Uhr

Ich bin auf etwas draufgekommen, das einerseits nicht übertrieben weltbewegend ist und das alle anderen vermutlich eh schon wissen: Männer mögen keine Grillkamine. Nicht alle Männer! Ich will hier nicht verallgemeinern, aber mit meiner bisherigen Lebenserfahrung kann ich feststellen: Männer mögen keine Grillkamine. Also diese Rohre zum Anheizen von Holzkohle-Grillern, in denen die Glut ganz von selber entsteht; superpraktisch, wenn ihr mich fragt.

„Es ist dermaßen verschwenderisch und traditionell, es macht mich jedes mal komplett narrisch.“

Aber der Krüger. Der Krüger war auf Besuch. Krüger ist ein Mann feststehender Rituale: Zu Neujahr schaut man das Neujahrskonzert, egal wie strahlend draußen die Sonne zum Spazieren einlädt, zu Ostern isst man Zopf (jemand anderer sollte ihn machen, er kann das nicht), und wenn der Krüger aufs Land auf Besuch kommt, werden Würstel gegrillt, egal ob es draußen dreißig Grad plus oder dreißig Grad minus hat.

Würstel grillen geht, nach dem Krüger’schen Gesetz, folgendermaßen und ausschließlich folgendermaßen: Man stellt die Feuerschale auf, schlichtet ein paar dünne Späne und kleinere Scheite über ein zerknülltes Zeitungspapier, heizt es mit drei (es müssen immer genau drei sein) Anzündwürfeln an, und verheizt dann einen halben Kubikmeter meines feinsten, teuersten Buchen-Brennholzes zu einer Glut, auf der dann vier Würstel gegrillt werden. Zwei Käsekrainer und zwei Vorarlberger Kalbsbratwürste, die ich, seit der Krüger zum ersten Mal welche gegessen hat, immer in ausreichender Zahl im Tiefkühler vorrätig haben muss. Während der Krüger draußen mit seinem Stecken stundenlang das Feuer schürt und umschichtet, es bewacht und beschwört, mit den Flammen spricht und ihnen, was weiß ich, melancholische Lieder vorsummt, mach ich in der Küche Erdäpfel und Salat, decke den Tisch und kümmere mich um die Getränkeversorgung. Es ist dermaßen verschwenderisch und traditionell, es macht mich jedes mal komplett narrisch.

Wie der Krüger diesmal übers Wochenende gekommen ist, habe ich ihm einen Sack Holzkohle hingestellt und meine zwei Grillkamine. Der Krüger hat gesagt: Was ist das, was soll ich damit? Ich habe gesagt: Mein gutes Brennholz wird nicht mehr vergrillt, damit ist es vorbei, füll die Rohre mit Holzkohle, unten zündest du sie mit Zeitungspapier an, und während in den Grillkaminen ganz von selber eine perfekte Glut entsteht, kannst du mir beim Salatrichten und Tischdecken helfen.

Ich muss sagen, selten habe ich einen Mann so schockiert schauen gesehen und dann so batzenunglücklich. Die ganze Lebensfreude ist schlagartig aus dem Krüger gewichen. Er hat es dann gemacht, wie ich wollte, aber unwillig. Zum Trost durfte er nach dem Essen in der Feuerschale noch ein richtiges kleines Feuer mit Holz machen, und alles war wieder gut.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel. Ihr neuer Roman „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ ist eben bei Hanser Berlin erschienen.