Welche Folgen das Verschwinden der Schmetterlinge hat

Der gebürtige Schrunser Ökologe Johannes Rüdisser von der Universität Innsbruck forscht zu Biodiversität. Nun sollen erstmals österreichweit Schmetterlinge systematisch erhoben werden. Deren Rückgang hat drastische Folgen.
Innsbruck, Schwarzach Im Kampf gegen den Klimawandel wird das Ausmaß der Biodiversitätskrise, die uns alle betrifft, oft übersehen. Dabei hängen beide Krisen eng miteinander zusammen und beide stellen eine erhebliche Bedrohung für die Menschheit dar. Von insgesamt 60.000 Arten in Österreich sind rund 40.000 Insektenarten. Das Problem: „Wir beobachten einen alarmierenden Rückgang von Insekten“, erklärt Johannes Rüdisser, Leiter des Viel-Falter-Monitorings und Biodiversitätsforscher an der Universität Innsbruck.
Dabei sind Insekten ein essenzieller Bestandteil im Gleichgewicht der Natur und erfüllen wichtige ökologische Funktionen: Sie bestäuben Pflanzen und spielen eine wichtige Rolle in der Nahrungskette für andere Tiere und letztlich auch für uns Menschen, indem sie eine Vielzahl von Nutzpflanzen bestäuben. Viele Lebensmittel – von Früchten bis hin zu vielen Gemüsesorten – sind direkt von der Bestäubungsarbeit von Insekten abhängig.

Das Große Ochsenauge findet man vom Flachland bis in etwa 1600 Meter Seehöhe. Er ist nach dem Kleinen Kohlweißling und dem Kleinen Fuchs der am häufigsten angetroffene Tagfalter in Vorarlberg. Die Nahrung der Raupen, verschiedene Grasarten, ist in vielen Wiesen zu finden. Roland Viechtbauer
Schmetterlinge als “Fieberthermometer”
Um den bedrohlichen Rückgang besser zu verstehen und gezielt Maßnahmen dagegen zu setzen, ist die Erhebung von systematischen Daten von grundlegender Bedeutung. Aus diesem Grund werden erstmals in einer von der Universität Innsbruck getragenen Forschungsinitiative Schmetterlinge in ganz Österreich systematisch erhoben.
Denn Schmetterlinge sind nicht nur schön anzusehen, sondern eignen sich ausgezeichnet zum Beobachten von Veränderungen in der Naturlandschaft: „Sie reagieren sensibel, wenn es um Umweltveränderungen geht. Als Indikator dienen Schmetterlinge sozusagen als Fieberthermometer für den Zustand der biologischen Vielfalt“, erklärt der aus Schruns stammende Ökologe.

Vor 20 bis 30 Jahren wurden die Daten zu Insektenpopulationen und deren Gewichtsmengen nur sehr selten systematisch erhoben. Inzwischen zeichnet sich jedoch auf internationaler Ebene ein alarmierender Trend ab: „Die Gesamtmasse der Insekten nimmt alle zehn Jahre um durchschnittlich neun Prozent ab“, warnt Rüdisser. Dies entspricht einem Rückgang um etwa ein Viertel in drei Jahrzehnten. Ein klarer Weckruf, der zeigt, wie wichtig systematische Erhebungen und Schutzmaßnahmen für unsere Insektenwelt sind. „Wir beobachten auch einen Rückgang bei eigentlich häufigen Arten“, gibt der Forscher zu bedenken.

Für das Schmetterlingsmonitoring werden auf insgesamt 200 Erhebungsflächen in ganz Österreich nun systematische Zählungen vorgenommen. Diese Erhebungen ergänzen bestehende Untersuchungen an 200 Standorten in Tirol und Vorarlberg, an denen bereits seit 2018 bzw. 2019 Tagfalterbeobachtungen gemacht werden.

Das Kleine Wiesenvögelchen ist in offenen Lebensräumen wie Magerrasen, Wiesen und Weiden, aber auch an Böschungen, Weg- und Feldrändern häufig anzutreffen. F. Barkmann
Ehrenamtliche forschen mit
Bei den Zählungen werden die Experten von freiwilligen Erhebenden unterstützt. „Dabei benötigen sie keine Vorkenntnisse, sondern nur ein Interesse an der Natur und eine kurze Ausbildung durch das Monitoringteam“, erklärt Rüdisser. Der Citizen-Science-Ansatz ermöglicht eine breite Beteiligung der Bevölkerung und fördert die Begeisterung für Schmetterlinge und Naturbeobachtungen. 2022 führten 13 Freiwillige an 39 Standorten in Vorarlberg insgesamt 204 Erhebungen durch und erfassten dabei 1302 Schmetterlingsindividuen.
Das Schmetterling-Monitoring wird vom Institut für Ökologie der Universität Innsbruck rund um das Forschungsteam von Johannes Rüdisser gemeinsam mit dem Sammlungs- und Forschungszentrum der Tiroler Landesmuseen und weiteren wichtigen Kooperationspartnern in ganz Österreich – unter anderem der inatura, der Stiftung Blühendes Österreich oder dem Land Vorarlberg – umgesetzt.

Citizen-Science-Projekt
Das Tagfalter-Monitoring wird ab 2023 auf ganz Österreich ausgedehnt. Interessierte können sich hier melden: valerian.goueset@uibk.ac.at oder 0676 872 551 625. Weitere Informationen unter: www.viel-falter.at.
Die Rote Liste der Schmetterlinge
Rote Listen dokumentieren die voranschreitende Erosion der Biodiversität auf internationaler, nationaler und regionaler Ebene. Das tatsächliche Verschwinden einer Art – sei es nun regional oder global, also in seiner unumkehrbaren und finalen Form – stellt allerdings nur den Endpunkt einer meist langwierigen Entwicklung dar. Rote Listen geben wichtige Hinweise, wo der Biodiversitätsrückgang besonders groß ist. Die Liste der gefährdeten Schmetterlingsarten in Vorarlberg gibt es hier.
Zwei besondere Schmetterlinge – die europaweit streng geschützten und in Vorarlberg vorkommenden Ameisenbläulinge:

Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling wird durch seine zimtbraunen Flügelunterseiten, welche nur eine Punktreihe besitzen, charakterisiert. Die Weibchen sind oberseits dunkelbraun mit nur gelegentlich an der Flügelbasis auftretenden blauen Schuppen. Männchen hingegen weisen eine dunkelblaue Flügeloberseite mit breitem schwarzem Rand und tropfenförmigen Flecken auf. Die Falter benötigen wechselfeuchte Glatthaferwiesen, Feuchtwiesen oder feuchte Hochstaudenfluren meist unterhalb von 1000 m, wobei ihnen schon schmale Randstrukturen reichen. Die ersten Larvenstadien leben auf dem Großen Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), bevor die Raupe ab dem 4. Larvenstadium zu einer parasitischen Lebensweise in den Nestern von Knotenameisen, vor allem der Art Myrmica rubra, wechseln. Aufgrund zunehmender Entwässerung, Düngung, Nutzungsaufgabe, Verbrachung und zu früher Mahd ist die Art auch in Vorarlberg stark gefährdet (Huemer et al. 2022). Eva Hengsberger

Die Flügelunterseite des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist hell graubraun und weist zwei Fleckenreihen auf, wobei die äußere Reihe der Hinterflügel häufig dreieckige Punkte besitzt. Die Männchen haben auf der Flügeloberseite eine blaue Bestäubung, breite schwarze Flügelränder und schwarze Tropfenflecke, während die Weibchen nur spärlich blau bestäubt sind. Als Lebensraum dienen Pfeifgraswiesen, Feuchtwiesen, feuchte Hochstaudenfluren sowie wechselfeuchte Glatthaferwiesen bis zumeist nicht viel mehr als 1000 m. Die Lebensweise ist ähnlich wie beim Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling, nur dient hier eine andere Ameisenart nämlich Myrmica scabrinodis als Wirt. Auch dieser Tagfalter ist aufgrund der zuvor erwähnten Gründe in Vorarlberg stark gefährdet (Huemer et al. 2022). Eva Hengsberger