Prävention und Beratung als Mittel gegen Femizide

Angesichts alarmierender Statistiken plant die österreichische Bundesregierung verstärkte Maßnahmen zur Bekämpfung von Gewaltverbrechen gegen Frauen.
Wien, Feldkirch Die jüngsten Vorfälle, wie der Mord an einer Frau in Wien am Montag, haben die Aufmerksamkeit erneut auf Frauenmorde gelenkt. Auch in Vorarlberg stand vergangene Woche ein Mann für den Mord seiner Ex-Frau vor Gericht. Gemäß der aktuellen Studie „Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich“ der Statistik Austria ist jede dritte Frau in Österreich von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen. Eine vom Institut für Konfliktforschung durchgeführte Studie über Frauenmorde der letzten zehn Jahre bildet die Grundlage für die geplanten präventiven Maßnahmen, wie Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP), Justizministerin Alma Zadić (Grüne) und Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) betonen.
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Die Studie, geleitet von Birgitt Haller und durchgeführt von Viktoria Eberhardt und Brigitte Temel, analysierte polizeiliche Kriminalstatistiken von 2010 bis 2020 sowie Gerichts- und Staatsanwaltschaftsakten von 2016 bis 2020. Insgesamt wurden in den untersuchten elf Jahren 793 weibliche Opfer von Morden oder Mordversuchen mit 767 Tatverdächtigen verzeichnet. Dabei wurden 73 Prozent der Morde als Femizide eingestuft, bei denen das Geschlecht ausschlaggebend für die Tat war. Aufgeschlüsselt nach Nationalitäten hatten 72 Prozent der Täter in den untersuchten Fällen die österreichische Staatsbürgerschaft, “davon ca. 57 Prozent autochthon”, fünf Prozent waren EU-Bürger, 19 Prozent Bürger von Drittstaaten, zwei Prozent staatenlos, bei einem Prozent gab es keine Angaben.
Viel Raum wurde in der Studie sogenannten Hochrisikoindikatoren gewidmet, die zu erkennen wichtig in der Prävention wären. Bei 53 Tätern (rund 47 Prozent) lagen demnach psychische Erkrankungen vor. Man sollte genauer untersuchen, “welche Diagnosen mit Gewalt korrelieren”, sagte Temel. “Traumatische Erfahrungen”, dazu zähle etwa auch Arbeitsplatzverlust, hätten bei rund einem Drittel vorgelegen. Ebenso viele hatten bereits körperliche und sexualisierte Gewalt ausgeübt, mehr als ein Viertel psychische Gewalt. Weitere häufige Faktoren seien Waffenbesitz (22 Prozent) und patriarchales Denken (ca. 20 Prozent). Zudem wurden Morddrohung, ökonomische Abhängigkeit, Suiziddrohung und Substanzenmissbrauch genannt.
Viele Täter wiesen eine “jahrelange Gewalt-Vorgeschichte” auf (23 Fälle, 25 Prozent), weitere elf Prozent hätten “Gewalt gegen alle Frauen” in ihrem Leben ausgeübt, 15 Prozent “Gewalt gegen die gesamte Familie bzw. darüber hinaus”. In 16 Fällen habe es keine Vorgeschichte mit Partnergewalt gegeben, darunter fielen laut den Autoren elf Fälle von Femiziden im hohen Alter, eventuell könnte Pflegebedürftigkeit eine Rolle gespielt haben.
Hilfseinrichtungen in Vorarlberg
ifs Gewaltschutzstelle Vorarlberg
Johannitergasse 6 | 6800 Feldkirch
Telefon +43 5 1755 535
gewaltschutzstelle@ifs.at
ifs Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt
Johannitergasse 6 | 6800 Feldkirch
Telefon +43 5 1755 -536
frauenberatungsstelle@ifs.at
ifs FrauennotWohnung
Postfach 61
6850 Dornbirn
Telefon +43 5 1755-577 (rund um die Uhr erreichbar)
frauennotwohnung@ifs.at
Besonders besorgniserregend ist, dass die eigenen vier Wände der gefährlichste Ort für Frauen ist, um einem Femizid zum Opfer zu fallen. In 74 Prozent der Fälle handelte es sich um Täter, die Partner oder Ex-Partner waren. In 20 Prozent der Fälle lag bereits ein Betretungs- oder Annäherungsverbot vor, in sieben Prozent der Fälle sogar mehrfach. Beunruhigenderweise suchten nur wenige Frauen Hilfe, bevor die Situation eskalierte. “In neun von zehn Fällen waren die betroffenen Frauen vorher nicht bei der Polizei oder bei einer Gewaltschutzeinrichtung”, bedauerte auch Marina Sorgo, Bundesverbandsvorsitzende der Gewaltschutzzentren.
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Situation in Vorarlberg
Die ifs Gewaltschutzstelle bietet in Vorarlberg Betroffenen von häuslicher Gewalt und Stalking Beratung und Unterstützung an. Die ifs Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt unterstützt Frauen und Mädchen ab 14 Jahren, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. “Wir stellen fest, dass die Zahl der von Gewalt betroffenen Menschen, die sich an die ifs Gewaltschutzstelle wendeten, in den vergangenen Jahren angestiegen ist”, betont Leiterin Angelika Wehinger. Für sie ein klares Zeichen, dass die Frauen Gewalt in der Familie nicht mehr als Privatsache totzuschweigen versuchen.

So waren es 2020 noch 795, vergangenes Jahr bereits 935 Klientinnen in Vorarlberg. Auch die Zahl der Annäherungs- und Betretungsverbote stieg auf 518 im Jahr 2022. “Das bedeutet, dass die Polizei in Vorarlberg teilweise mehr als ein Mal pro Tag aufgrund häuslicher Gewalt einschreiten musste. Heuer wurden in Vorarlberg bislang 252 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen”, betont Wehinger. 80 Prozent der Opfer sind weiblich, 90 Prozent der Gefährder männlich.
Einrichtungen bekannter machen
Tatsächlich habe das österreichische Gewaltschutzkonzept für viele Staaten eine Vorbildwirkung, stärkt Wehinger der Bundesregierung den Rücken. Diese will künftig stärker auf Prävention setzen: Hilfseinrichtungen bekannter machen, ein Betretungsverbot ist bereits automatisch mit einem Waffenverbot verbunden. Doch auch das Rollenbild ist ein Thema. “Prävention beginnt schon im Kindesalter, etwa mit der Frage, welche Rollenbilder vermittelt werden”, verdeutlicht Wehinger. “Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung bezüglich Ursachen und Hintergründe zu häuslicher Gewalt sind wesentlich.”

Zudem wird auf Bundesebene an einem Konzept für Gewaltambulanzen gearbeitet, um Spuren von Gewalttaten besser zu dokumentieren und die niedrigen Verurteilungsquoten zu erhöhen. Eine breite Informationsvermittlung über Gewaltschutzzentren und ein stärkerer Fokus auf die psychische Gesundheit potenzieller Täter sind weitere Empfehlungen der Studienautorinnen, um gezielte Maßnahmen zur Gewaltprävention zu ergreifen. Datenschutzbestimmungen sollen überdacht werden, um den Informationsaustausch zwischen Opferschutz, Forschung und Behörden zu erleichtern.