Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Selbstoptimierung

Vorarlberg / 08.06.2023 • 09:00 Uhr

Wir leben heute, so man der soziologischen Forschung glauben kann, in einer Optimierungsgesellschaft und im Zeitalter der Selbstoptimierung. Wird diese als kontinuierlicher Prozess der menschlichen Selbstverbesserung definiert, ist sie nicht neu. Denn schon in den Religionen und der alten Philosophie strebte man danach, das Beste aus sich selbst zu machen.

Allerdings ging es dabei um moralische und spirituelle Werte, während heute Fitness, Ernährung, Aussehen, Motivation, Leistungsfähigkeit oder gesellschaftliches Ansehen optimiert werden sollen. Besonders junge Menschen lassen sich, getrieben von sozialen Medien, unter enormen Druck zur Selbstoptimierung setzen. Bin ich stark, attraktiv, schlau und cool genug? Ist mein Bauch flach, meine Brust umfangreich und meine Linie schlank genug? Sind Blutzucker und -fette niedrig genug und die Gesundheitswerte ideal genug? Sind meine Entspannungs-, Fitness- und Work-Life-Balance-Programme modern genug und überhaupt, ist meine Kondition für die täglichen 10.000 Schritte gut genug?

Durch Selbstoptimierung will man Schwächen verbessern, sein Potenzial nutzen, die Leistungsfähigkeit steigern und totale Kontrolle über das Leben gewinnen.

Mittel zur Selbstoptimierung sind körperliches und psychisches Training, leistungssteigernde Medikamente, stimmungsaufhellende Drogen, sogenannte Schönheitsoperationen und digitales „Selftracking“ über Pulsmesser oder Schrittzähler. Durch Selbstoptimierung will man Schwächen verbessern, sein Potenzial nutzen, die Leistungsfähigkeit steigern und totale Kontrolle über das Leben gewinnen.


Die Selbstoptimierung hat jedoch auch andere Seiten. Denn hinter dem Bedürfnis, sich selbst in eine in jeglicher Hinsicht optimale Verfassung zu bringen, stecken neben dem Druck von außen auch Selbstwertzweifel und chronische Unzufriedenheit. Übertriebener Selbstoptimierungsdrang bedeutet enormen Stress und führt unweigerlich zu Konkurrenzdenken und Narzissmus. Können die oft viel zu hoch gesteckten Ziele nicht erreicht werden, sind Frustration und Resignation die Folge. Wenn die Selbstoptimierung nicht gelingt, kann dies Versagensängste, Minderwertigkeitsgefühle und manchmal sogar Selbsthass auslösen.

Unzweifelhaft soll jeder Mensch seine Fähigkeiten entdecken und das ihm innewohnende Potenzial nutzen, die persönliche Entwicklung vorantreiben und ein Leben lang an sich arbeiten. Gesundheitsbewusstsein, Selbstreflexion und ständiges Streben nach ­Verbesserung verhelfen uns zu einem zufriedeneren Leben. Wenn der Drang zur Optimierung allerdings zum Zwang wird, sollten wir uns vielleicht manchmal sagen: „Ich bin wie ich bin – und das ist genug !“

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut

und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.