Der Selbstverliebte
Der Mann, von dem ich erzähle, verehrt sich selbst, als wäre er ein anderer. Er ist hochmütig. Er ist eitel. Er findet sich vollkommen, seinen Geist, seinen Charakter, seinen eigenen Körper.
Er ist eine Anmaßung und weiß es nicht. Jeder, der mit ihm zu tun hat, findet ihn arrogant. Er sieht nicht, wenn andere leiden. Seiner Meinung nach gibt es kein Leid, außer seinem eigenen, wenn er denn eines hat. Liebeskummer zum Beispiel. Wobei Kummer das falsche Wort ist. Es sollte für ihn heißen: Ungerechte Zurückweisung, eigentlich eine Frechheit. Er ist zur Liebe nicht fähig. Er wundert sich, dass sich die Frau, die er glaubt zu lieben, von ihm abgewandt hat. Er kann sich nur selbst lieben.
Da will er sie, und er denkt, sie steht mir zu. Sie kann froh sein, wenn sie einen wie mich kriegt.
Er hat seine Ehemalige wie Luft behandelt. Wie behandelt man Luft? Gar nicht. Er sieht noch ihren Kopfabdruck auf dem Kissen, riecht noch ihren Zitronenduft und tut, als würde ihm das nichts ausmachen. Dabei hat er Rachegedanken. Wie konnte es die Frau wagen, ihn zu verlassen. Sie wird es bereuen. Er wird ein böses Gerücht streuen, er, der Erfolgreiche, von dem so viele abhängig sind. Sie wird gekündigt werden und nie mehr einen Job bekommen. Als Putzfrau vielleicht.
Bald hat er wieder eine neue Frau, wie er bald wieder neue Geschäftsmodelle ausprobiert und sein Geld anhäuft. Er gibt den Armen nichts. Einmal wird er krank und bedarf fremder Hilfe. Er bedankt sich nicht bei der Schwester im Krankenhaus. Sie kommt aus Thailand und ist wirklich schön.
Da will er sie, und er denkt, sie steht mir zu. Sie kann froh sein, wenn sie einen wie mich kriegt. Sie, die aus einem armen Land kommt und von uns profitiert. Er sieht sie an wie ein Objekt, ihre schillernden Augen, alles an ihr ist zauberhaft. Wie bei einem Püppchen, das man auf den Fernsehapparat stellt, das sich dreht, wenn man auf den Knopf drückt. Er ist nicht verliebt, weil er nur eine Liebe hat und die gehört ihm selbst. Das spürt die zarte Frau und sie weicht vor ihm. Kann das sein, denkt er zornig. Ich wäre ihr Hauptgewinn. Auf seine Frage, ob sie zu ihm ziehen will, gibt sie keine Antwort.
Sein Herz macht Probleme. Seine Brust schmerzt, die Luft bleibt ihm weg. Er klingelt nach der Schwester. Sie hört die Glocke und reagiert nicht. Da stirbt er ganz allein und niemand betrauert ihn.
Monika Helfer
monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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