Feldkircherin ist Weltmeisterin im Blinden-Golf

Vorarlberg / 19.05.2023 • 10:51 Uhr
Sohn Jacob, ihr Guide, weist sie vor den Schlägen ein und sieht für die Mutter. <span class="copyright">gepa</span>
Sohn Jacob, ihr Guide, weist sie vor den Schlägen ein und sieht für die Mutter. gepa

Wegen einer Erbkrankheit ist Karin Becker fast blind. Sie brachte es trotzdem weit, nicht nur im Golfsport.

Feldkirch/Innsbruck Das Leben geht seine eigenen Wege. Wenn man Karin Becker (heute 50) im Teenageralter gesagt hätte, dass sie im Jahr 2023 Weltmeisterin im Blinden-Golf wird, hätte die Feldkircherin ungläubig den Kopf geschüttelt.

Bereits als Kind war Karin sonnenklar, dass sie Architektin werden möchte. „Ich habe schon als Volksschülerin Pläne von Wohnungen gezeichnet.“ Nach der Matura übersiedelte die Tochter einer Hak-Lehrerin und eines Verwaltungsangestellten nach Innsbruck und begann mit dem Architektur-Studium. „Ich war zügig unterwegs. Es war genau das, was ich machen wollte.“

Süß: die kleine Karin.
Süß: die kleine Karin.

Sie war 20, als sie bemerkte, dass die Welt um sie plötzlich die Farben und die Schärfe verlor. „Ich konnte das, was die Professoren an die Tafel schrieben, nicht mehr lesen. Innerhalb von drei Monaten schrumpfte meine Sehkraft auf 10 Prozent.“ In der Klinik in Innsbruck wurde festgestellt, dass sie aufgrund eines Gendefektes an der Stargardt-Krankheit litt, der häufigsten Form der Makuladegeneration im Jugendalter, bei der das Zentrum der Netzhaut, die Makula, betroffen ist. „Man schickte mich mit den Worten heim: ,Kommen Sie in einem Jahr wieder. Sie werden sowieso blind.“

Karin Becker als Teenager. Da träumte sie noch von einer Karriere als Architektin.
Karin Becker als Teenager. Da träumte sie noch von einer Karriere als Architektin.

In diesem Moment stürzte Karins Welt ein. „Ich stand mehrmals auf der Brücke und dachte mir: ,Jetzt springst du‘“. Eine Notfalltherapie bei einem Psychologen rettete sie vor dem Schlimmsten. Außerdem revidierte ein zweiter hinzugezogener Augenarzt die Diagnose. „Er sagte, dass ich nie vollblind werden könnte. Das beruhigte mich ein wenig.“

Plötzlich auf Hilfe angewiesen

Dennoch galt es für Karin viel zu verkraften. Aufgrund der schweren Sehbehinderung konnte sie den Alltag nicht mehr allein meistern und war plötzlich auf Hilfe angewiesen. „Ich musste lernen, mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauchte. Es ging aber lange, bis ich sie annehmen konnte.“ Irgendwann stellte sie jedoch fest, dass die Menschen gerne helfen. „Man muss sie nur fragen.“

Ihr Leben veränderte sich zum Positiven, als sie für sich persönliche Assistenten engagieren konnte. „Die gehen mit mir einkaufen, fahren mich zu Veranstaltungen und helfen mir im Haushalt.“ Trotz ihrer starken Sehbehinderung gelang es ihr, das Studium abzuschließen.

Karin Becker bei ihrer Sponsion. Trotz ihrer starken Sehbehinderung schaffte sie es, ihr Architekturstudium abzuschließen.
Karin Becker bei ihrer Sponsion. Trotz ihrer starken Sehbehinderung schaffte sie es, ihr Architekturstudium abzuschließen.

Nach einem einjährigen Au-pair-Aufenthalt in Rom – „die schönste Zeit meines Lebens“ – heiratete die Diplomingenieurin einen Studienkollegen und bekam zwei Kinder. Karin kümmerte sich um die Familie, ging nebenher aber immer arbeiten. Seit 17 Jahren ist sie für den Verein „Selbstbestimmt Leben“ als Assistentin der Geschäftsführung tätig. Der Verein setzt sich für Menschen mit Behinderung ein.

Da waren ihre Kinder noch klein. Karin mit Jacob und Livia.
Da waren ihre Kinder noch klein. Karin mit Jacob und Livia.

Über den Verein „Blindensport Österreich“ kam die Wahl-Innsbruckerin zum Skisport. „Dazu muss man wissen, dass man in jedem Blindensport eine Begleitperson braucht.“ Karin brachte es bis in den Nationalkader des Behindertensportverbandes. Der Sport bzw. die Kollegen vermittelten ihr eine andere Einstellung zum Leben. „Die hatten etwas, was sie erfüllte. Da stand nicht die Behinderung im Vordergrund, sondern das, was man machen kann.“ Im Jahr 2010 hat sie erstmals einen Golfschläger in die Hand genommen. „Ich wollte meinen Mann auf den Golfplatz begleiten.“

Karin Becker mit ihrer Tochter Livia. "Sie und mein Sohn Jacob assistieren mir abwechselnd auf dem Golfplatz."
Karin Becker mit ihrer Tochter Livia. "Sie und mein Sohn Jacob assistieren mir abwechselnd auf dem Golfplatz."

2011 schlitterte Karin in eine große Krise. „Mein Augenlicht verschlechterte sich abermals von heute auf morgen, meine Sehkraft schrumpfte auf vier Prozent.“ Die Sehverschlechterung ging einher mit einer Identitätskrise. „Ich war mir selbst verlorengegangen.“ Während eines Reha-Aufenthaltes fand sie wieder zu sich. „Ich entdeckte die eigentliche Karin.“ Danach ordnete sie ihr Leben neu und ließ sich scheiden.

Im Blinden-Golf zählt die Feldkircherin Karin Becker heute zu den Besten der Welt.
Im Blinden-Golf zählt die Feldkircherin Karin Becker heute zu den Besten der Welt.

Auf Reha entdeckte sie aber nicht nur sich selbst, sondern auch den Golfsport für sich. „Ein Mitpatient war Golfer. Wir sind abends zu einem Übungsgelände für Golfer gefahren. Er gab mir Tipps.“ Damals fand sie heraus, dass man golfen kann, ohne etwas zu sehen. „Es braucht keine Adleraugen. Denn der Ball liegt ja am Boden, ich muss nicht auf ihn reagieren. Ich muss nur die gleiche Bewegung machen, um den Ball zu treffen. Wenn man die Augen geschlossen hat, fühlt man viel besser die Bewegung vom Ausholen und Durchschwingen“, möchte sie aufzeigen, dass sich ein Mensch mit einer Sehbehinderung besonders gut konzentrieren kann und viel Gefühl und Gespür für den richtigen Abschlag entwickelt.

Die Freude über den Weltmeistertitel ist Karin Becker anzusehen.
Die Freude über den Weltmeistertitel ist Karin Becker anzusehen.

Freilich: Ohne Begleitperson geht gar nichts. Blinden-Golf gelingt nur mit einem Guide. Er ersetzt die fehlende Sehkraft. „Er muss mich unter anderem zum Ball führen und mit mir den Weg vom Ball zum Loch abgehen. Meine Füße spüren jede Unebenheit. Aufgrund der Beschaffenheit des Geländes weiß ich, wie die Linie des Balles sein und wie ich schlagen muss.“ 2012 begann sie mit Hilfe eines Assistenten mit dem Golfsport. Heute, gut zehn Jahre später, ist sie Weltmeisterin im Blinden-Golf. „Mein Sohn Jacob – er ist mein Coach – und ich wurden als Team Ende März Weltmeister in Kapstadt.“ Der letzte Schlag habe alles entschieden. „Ich habe den Ball aus sieben Metern Entfernung eingelocht.“   

Karin Becker

geboren 13. Juni 1972

Wohnort Innsbruck

Ausbildung Architekturstudium

Familie geschieden, zwei Kinder

Hobbys Golf, Kultur, Langlaufen

Motto mich sein lassen und andere sein lassen