Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Künstliche Intelligenz und Muttertag

Vorarlberg / 10.05.2023 • 12:03 Uhr

Künstliche Intelligenz, derzeit in aller Munde, lässt uns aus dem Staunen über die technische Leistung nicht herauskommen. Sie öffnet neue Dimensionen des Denkens, verändert das Alltagsleben grundlegend und hilft uns auf niemals für möglich gehaltene, mannigfache Weise: von der Generierung eigenständiger Texte zum autonomen Fahren, von neuen Bildungsformen zur Optimierung der Arbeitsprozesse, von automatisierter Kundenbetreuung bis zu bahnbrechenden medizinischen Methoden. Man spricht von einer technischen Revolution, einem neuen Zeitalter der Kommunikation, einem Quantensprung der gesellschaftlichen Entwicklung. KI, nebenbei noch Kürzel des Jahrzehnts, begeistert und fasziniert. Sie führt zu Aufbruchstimmung und grenzenlosem Optimismus, manchmal auch zu Angst.

Als Gegenpol jeglicher Art von Intelligenz, ob natürlich oder künstlich, wird die Empathie betrachtet.

Als Gegenpol jeglicher Art von Intelligenz, ob natürlich oder künstlich, wird die Empathie betrachtet. „Fühlen zu können, wie Du fühlst“, ist tatsächlich eine menschliche Ureigenschaft, die ihre Vollendung in der Liebe findet. Betrachtet man Empathie nicht als Werkzeug des Gehirns, sondern als höchstentwickelte Emotionsform, ist sie ein Privileg des Menschen, vielleicht das letzte, das ihm noch bleibt. Sie fördert Urvertrauen, Persönlichkeitsreifung und Selbstbewusstsein, sie prägt Erlebnisfähigkeit und Sozialverhalten. Erst durch Empathie wird das intelligente Wesen zum Menschen. Und bei aller Bewunderung für Künstliche Intelligenz müssen wir erkennen, dass sie Empathie bis zu einem gewissen Grad nachahmen, aber niemals ersetzen kann.

Was hat aber das alles, was hat KI mit dem Muttertag zu tun? Mit jenem Fest, das wie das gesamte Thema der Mutterschaft etwas ins Abseits geraten ist. Viel mehr, als wir denken. Denn durch nichts wird die für das Überleben der Menschheit notwendige Empathie mehr gefördert als durch liebevolle mitmenschliche Zuwendung, vor allem über das elterliche, speziell das mütterliche Wesen. Der Mensch braucht die emotionale Muttermilch genauso wie die körperliche.

Nicht trotz der unglaublichen Erfolge der KI, sondern wegen ihrer zunehmenden Bedeutung im menschlichen Leben brauchen wir mehr empathisches Empfinden und höhere emotionale Kompetenz. Dessen sollten wir uns bei allem durch den KI-Hype ausgelösten Enthusiasmus anlässlich des Muttertags am Beginn des Zeitalters der Künstlichen Intelligenz mehr denn je bewusst sein. Deshalb: ein Hoch der Mutterschaft und ein vom Herzen – nicht nur vom Hirn – kommender Glückwunsch an alle Mütter.

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut

und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.