Leise Entwarnung in Hochreute

Vorarlberg / 02.05.2023 • 18:05 Uhr
Das Geröll hat sich durch den Wald geschoben, die Bäume sind wie Zündhölzchen geknickt.<span class="copyright"> VN/Paulitsch</span>
Das Geröll hat sich durch den Wald geschoben, die Bäume sind wie Zündhölzchen geknickt. VN/Paulitsch

Messungen beim Hangrutsch in Hörbranz geben Hoffnung. Konkrete Maßnahmen in Planung.

Hörbranz In Hörbranz Hochreute ist die Welt von einem auf den anderen Tag buchstäblich aus den Fugen geraten. Wie berichtet, haben sich an einem Waldhang in der Nacht auf Samstag 100.000 Kubikmeter Fels gelöst. Dieses Material drückt nun auf eine alte Rutschmasse, die dadurch in Gang gesetzt wurde. Aufhalten lässt sich so eine Rutschung nicht. „Im Prinzip ist es so, dass jede Rutschung langsam anfängt, dann eine schnelle Phase hat und anschließend wieder langsam wird. Sie wird niemals stoppen, geht aber in eine Kriechbewegung über“, erläuterte Landesgeologe Walter Bauer am Montag den VN. 

Der Plan zeigt die 14 Vermessungspunkte.
Der Plan zeigt die 14 Vermessungspunkte.

Bei der ersten Vermessung am Montag wurde oberhalb des Bauernhauses der Familie Matt innerhalb von knapp 24 Stunden eine Hangbewegung von über 50 Zentimetern festgestellt. Auch an den anderen 13 Vermessungspunkten ist es zu nicht unerheblichen Bewegungen gekommen. Am Dienstag konnte nach neuerlichen Messungen zumindest vorsichtige Entwarnung gegeben werden. Die Befürchtungen vom Montag, dass sich die Bewegungen noch beschleunigen könnten, haben sich nicht bestätigt.

Das Haus der Familie Matt ist dem Hang am nächsten.
Das Haus der Familie Matt ist dem Hang am nächsten.
In den Wänden des Bauernhauses sind vorne . . .
In den Wänden des Bauernhauses sind vorne . . .
. . . und hinten mehrere Meter lange Risse zu erkennen.
. . . und hinten mehrere Meter lange Risse zu erkennen.

„Wir haben heute die Situation, dass wir eine Halbierung der Bewegung vom Montag haben. Das heißt wir dürften das Maximum erreicht haben und der Hang beruhigt sich. Das gibt Hoffnung“, sagte der Hörbranzer Bürgermeister Andreas Kresser nach einem Lokalaugenschein am Dienstagvormittag. Dass die Rutschung wieder an Fahrt aufnimmt, kann laut Landesgeologe Walter Bauer zwar nicht ausgeschlossen werden. „Dass sich die Bewegungsraten etwa halbiert haben, ist aber einmal eine richtig gute Nachricht. Jetzt wird man einfach schauen, wie es weitergeht“, ergänzt Bauer.  

Wie Plastilin

Bei der Rutschung handelt sich demnach um Material, das vor langer Zeit schon mal abgerutscht ist. Walter Bauer vergleicht es mit Plastilin spielen. „Dieses Material hat die unangenehme Eigenschaft, dass sich der Sandstein und der Mergel zersetzen. Das heißt es wird ein sandiger Schluff. Das ist nichts anders als ein Brei. Wenn man draufdrückt, geht er auf die Seite.“

Hinter dem Haus der Matts wurde ein zwei Meter tiefer Entlastungsgraben ausgehoben.
Hinter dem Haus der Matts wurde ein zwei Meter tiefer Entlastungsgraben ausgehoben.

Was als nächstes in Hochreute geplant ist? Wie Bürgermeister Kresser berichtet, sollen von der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) so bald wie möglich Sofortmaßnahmen und schließlich ein Schutzprojekt umgesetzt werden. Thomas Frandl von der WLV-Gebietsbauleitung Bregenz verweist auf die bestehenden Drainagen und das Rohrsystem, die 2010 zur Hangentwässerung verlegt wurden. „Aufgrund der Rutschung hat es Verschiebungen gegeben. Wir müssen daher schauen, ob diese Leitungen noch intakt sind. Das wird mit Kanalfernsehen gemacht. Gleichzeitig möchten wir einen aktuellen Drohnenflug machen. Wenn es die Arbeitssicherheit erlaubt, würden wir das Holz herausnehmen und in der Folge ein Projekt mit einem Schutzdamm ausarbeiten.“

Geologe Walter Bauer und Bürgermeister Andreas Kresser vor dem Entlastungsgraben.
Geologe Walter Bauer und Bürgermeister Andreas Kresser vor dem Entlastungsgraben.

Der Hangrutsch in Hörbranz sei einer „von den großen Dingern“, sagt der Geologe. Die gäbe es am Pfänder aber immer wieder. Der untere Hang sei vermutlich die ganze Zeit ein bisschen am Kriechen gewesen. „Das wird er auch in Zukunft tun. Die Häuser, die da drinnen sind, sollten etwas beweglich gebaut sein. Man muss den Bewohnern einfach sagen, dass die Aussicht mit jedem Jahr ein bisschen schlechter wird“, verdeutlicht Walter Bauer. 

Bürgermeister Andreas Kresser war am Dienstag Gast bei Vorarlberg LIVE.
Bürgermeister Andreas Kresser war am Dienstag Gast bei Vorarlberg LIVE.

Erdrutsch ja, Mure nein

Bregenz Die Bilder von den Schäden, die der Hangrutsch in Hörbranz angerichtet hat, machen einmal mehr deutlich: Die Natur ist unberechenbar. Doch was bedeutet das für die Hausbesitzer? Ist man versichert, wenn ein Hang plötzlich ins Rutschen gerät? Ja, sagt Robert Sturn, Vorstandsdirektor der Vorarlberger Landesversicherung (VLV) und Fachvertretungsvorsitzender der Versicherungsunternehmen in der Wirtschaftskammer Vorarlberg. „Bei der Gebäudeversicherung sind normalerweise die Feuerversicherung, die Sturmschadenversicherung und die Leitungswasserschadenversicherung inkludiert und in der Sturmschadenversicherung ist der Erdrutsch mitversichert“, erläutert er. Dasselbe gelte bei einem Steinschlag oder einem Felssturz, nicht jedoch bei einer Mure. „Die Mure ist im Rahmen der Sturmschadenversicherung nicht versichert“, unterstreicht Sturn. Es gäbe dabei lediglich kleinere Versicherungsmöglichkeiten im Rahmen von Naturkatastrophendeckungen. Der VLV-Vorstandsdirektor verweist auf den jeweilen Wasseranteil. „Wenn ein Wasseranteil von über 50 Prozent vorhanden ist, dann spricht man von einer Mure. Den Unterschied gibt es auch deshalb, weil die Mure zwar das Schlafzimmer oder die Küche voll mit Wasser und mit Dreck füllt, aber vermutlich nicht das Haus zerstört.”

VLV-Vorstandsdirektor Robert Sturn.
VLV-Vorstandsdirektor Robert Sturn.

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