Paola und ihr langer Weg aus der Arbeitslosigkeit

Vorarlberg / 26.04.2023 • 19:00 Uhr
Paola Scheicher mit den Kindern Jolene und Philippe.
Paola Scheicher mit den Kindern Jolene und Philippe.

Paola Scheicher (38) schlug sich als ungelernte Arbeitskraft durch. Weil sie keine Vollzeitarbeit fand, ging sie über viele Jahre nur einer geringfügigen Beschäftigung nach. Heute arbeitet sie als Lkw-Fahrerin. Die vierfache Mutter steuert einen 24-Tonner.

Götzis Nicht alle Kinderträume werden wahr. Paola Scheicher (38) wuchs mit Hunden und Katzen in Berlin auf. Das Mädchen war den Haustieren so zugeneigt, dass es Tierpflegerin werden wollte. Jahre später, als es darum ging, einen Beruf zu erlernen, entschied sich Paola aber für eine Ausbildung zur Industriemechanikerin. Doch die Deutsche hatte Pech. Noch bevor sie die Ausbildung abschließen konnte, wurde das Lehrlingsprogramm vom Land Berlin aus Geldmangel eingestellt. „Urplötzlich stand ich mit Tausenden anderen Lehrlingen auf der Straße.“

Aber die junge Frau steckte den Kopf nicht in den Sand. Sie bewarb sich erfolgreich bei einem Betrieb und begann eine Lehre zur Metallbauerin. „Nach eineinhalb Jahren ging die Firma in Konkurs.“ Und wieder machte sich die Tochter eines Senatsangestellten auf die Suche nach einer Lehrstelle. Doch dieses Mal war die Suche erfolglos. „Mir wurde gesagt, dass ich zu alt sei für eine Lehre.“ Ab da schlug sich die Berlinerin als ungelernte Arbeitskraft durch.

Lange suchte Paola Scheicher vergeblich nach Arbeit. Am 30. April wird der Arbeitslosen gedacht.
Lange suchte Paola Scheicher vergeblich nach Arbeit. Am 30. April wird der Arbeitslosen gedacht.

Zunächst arbeitete sie als Leiharbeiterin in der Produktion. „Ich habe Handyteile verpackt, im Akkord.“ Im Jahr 2008 kam sie – mit ihrem damaligen Mann – berufsbedingt nach Vorarlberg. Ihr neuer Job: in einer Fabrik mangelhafte Ware vom Band nehmen. „Ich arbeitete in einem kleinen Raum. Die zwei Maschinen machten einen extremen Lärm, zudem war es sehr warm“, macht sie klar, dass ihr die Arbeit, der sie ein halbes Jahr nachging, absolut nicht gefiel. Aber in Vorarlberg fühlte sie sich wohl. „Ich blieb hier.“ Doch am Fließband wollte sie nicht mehr arbeiten. Sie fand eine neue Anstellung als Tankwartin, später als Kassierin in einem Wettbüro. Mit jedem Jobwechsel wurde Paola flexibler. „Ich musste mich oft anpassen.“

Im Jahr 2009 wurde die junge Frau zum ersten Mal Mutter. „Ich habe mir immer Kinder gewünscht.“ Ein Jahr blieb sie zu Hause bei ihrem Kind. Danach wollte sie, weil das Geld knapp war, wieder arbeiten gehen. Aber es klappte nicht mit einer Vollzeitanstellung, trotz zahlreicher Bewerbungen. „Arbeitgeber haben große Vorbehalte gegenüber Müttern mit kleinen Kindern. Bei jedem Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, ob und wie mein Kind betreut sei.“ Die junge Mutter wurde in geringfügige Beschäftigungsverhältnisse gezwungen. Sie arbeitete für eine Reinigungs- und Securityfirma und als Regalbetreuerin im Supermarkt.

Paolas Mann Benjamin mit den Kindern Jolene, Sophia, Philippe und Leonie.
Paolas Mann Benjamin mit den Kindern Jolene, Sophia, Philippe und Leonie.

Privat hatte sich inzwischen auch einiges getan. Paola ließ sich nach dem zweiten Kind scheiden, heiratete erneut und bekam nochmals zwei Kinder. Mit jedem weiteren Kind aber wurde die Arbeitssuche noch schwieriger. „Man zweifelt zunehmend an sich selbst. Es kratzt gewaltig am Selbstbewusstsein, wenn man arbeiten will, aber nicht kann“, zeigt die vierfache Mutter auf, was lange Arbeitslosigkeit bewirkt.

Im Vorjahr aber wendete sich das Blatt endlich zum Positiven. „Das AMS lud mich zu einer Infoveranstaltung ein, bei der man den Beruf Kraftfahrer kennenlernen konnte und sich einige Betriebe vorstellten, darunter auch das Transportunternehmen Silverline 42 in Mäder.“ Dieser Betrieb gab ihr eine Chance, nachdem sie den Lkw-Führerschein über eine Maßnahme des Vereins zur Förderung von Arbeit und Beschäftigung (FAB) gemacht hatte.

Seit ein paar Wochen fährt Paola für die Transportfirma. „Ich versorge die Lager mit Red Bull.“ Der Job sei cool, sagt die Brummifahrerin, aber er habe es in sich. „Man muss als Lkw-Fahrer voll konzentriert sein. Und es ist nicht immer so einfach, an die Rampe zu kommen mit dem 24-Tonner. Manchmal hat man wenig Platz, dann muss man wie ein Weltmeister kurbeln.“

Diesen 24-Tonner steuert Paola Scheicher seit einigen Wochen.
Diesen 24-Tonner steuert Paola Scheicher seit einigen Wochen.

Wegen der Kinder beginnt die 38-Jährige ihren Dienst erst am späten Nachmittag. Anfangs war es für sie gewöhnungsbedürftig, bis in die Nacht hinein zu arbeiten. „Im Moment ist für mich aber nur diese Arbeitszeit möglich. Jemand muss tagsüber zu Hause bei den Kindern sein.“

Paola ist dankbar, dass sie diesen Job machen kann. „Das Leben ist so teuer. Und die Kinder haben ihre Bedürfnisse. Ein Gehalt reicht nicht.“ Seit sie wieder voll im Beruf steht, ist auch ihr Selbstbewusstsein zurückgekommen. Doch der Rückblick auf ihren beruflichen Werdegang stimmt sie traurig. „Ich bedaure, dass ich als Jugendliche meine Ausbildung nicht abschließen konnte. Denn ohne Ausbildung gilt man nichts.” Ihre Kinder sollen es einmal besser haben. „Mir ist es wichtig, dass jedes meiner Kinder etwas lernt.“