Denken
Gerade dachte der Mann, ich rufe meine Frau an, um zu hören, ob sie gut angekommen ist. Ihr Telefon war besetzt, weil sie eben auch in diesem Augenblick ihren Mann anrufen wollte. Solches passierte oft. Lange waren sie schon zusammen, und einer kannte den anderen, glaubte zumindest, den anderen zu kennen.
„Weißt du, was ich gerade gelesen habe“, fragte die Frau. Sie saß im Zug, und ihr Mann, der zu Hause ebenfalls die Zeitung las, sagte:
„Du wirst es nicht glauben, aber gerade das habe ich auch gelesen. Ich lese diese Schreckensnachricht und trinke dabei Kaffee. Da ist ein Bild dabei – das beste Pressefoto des Jahres – Bergung einer hochschwangeren Frau im zerstörten ukrainischen Mariupol – man sieht eine Bahre, von fünf Männern getragen, eine rote Decke mit schwarzen Punkten liegt darüber und darauf die hochschwangere Frau. Sie und das Kind sind gestorben.“
„Neun Monate“, sagte die Frau, „trägt sie ihr Kind im Bauch, sie freut sich darauf, obwohl Krieg ist, denkt sich, wir beide, ich und mein Kind, werden es gut haben, wir werden aus dem Kriegsgebiet flüchten …“
„Glaubst du, der Mann der verstorbenen Frau, der Vater des toten Kindes, weiß von dem Unglück?“
„Wir haben es gut“, sagt der Mann.
„Wir haben es gut“, sagt die Frau.
„Die Züge streiken“, sagt der Mann.
„Die größte Rakete will zum Mars fliegen.“
„Wenige Minuten nach dem Start ist sie abgestürzt.“
„Glaubst du“, fragt die Frau, „glaubst du, der Mann der verstorbenen Frau, der Vater des toten Kindes, weiß von dem Unglück? Am liebsten würde ich bei der nächsten Haltestelle aussteigen und wieder zu dir nach Hause fahren. Mir macht das Leben richtig Angst.“
„Du hast dich doch auf die Reise gefreut“, sagt der Mann, „stell dir nur vor, wie deine Freundin entzückt sein wird, dich zu sehen.“
„Kein Vergleich mit zu Hause“, sagt die Frau. „Wir könnten uns aufs Sofa legen und den bösen Tag verschlafen.“
„Ein Tag kann nicht böse sein“, sagt der Mann.
„Du weißt schon, wie ich es meine.“
„Wenn du kommst, koche ich etwas Süßes. Was schwebt dir vor?“
„Vor mir schwebt ein Kaiserschmarren im Zugabteil, aber ich kann ihn nicht angreifen.“
„Wenn du kommst“, sagt der Mann, der die Zeitung zerknüllt und zum Altpapier wirft, „mache ich dir den luftigsten Kaiserschmarren, Staubzucker darüber, heiße Himbeeren dazu.“
„Weißt du was“, sagt die Frau, die jetzt ihren Koffer von der Ablage nimmt und den Mantel anzieht, den Schal umbindet, „ich steige bei der nächsten Haltestelle aus und fahre mit dem nächsten Zug wieder zurück.“
Sie geht durch die Unterführung und kauft eine Retourfahrkarte. Eine Frau bittet sie nach einer Spende. Es ist Abend. Die Sonne geht unter.
Monika Helfer
monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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