
Mitten im Kanonendonner: Wie zwei Vorarlberger Ukraine-Wahnsinn erlebten
Wilfried Eberharter und seine Frau Olga überstellten Rettungsfahrzeug in die Ostukraine nahe Bachmut.
Bürs Es sitzt sich behaglich im friedlichen Bürs. Fernab von dem, wo sich der Bürser Wilfried Eberharter (63) und seine Frau Olga noch vor gut einem Monat befanden. In der Ostukraine nahe Bachmut, begleitet vom Lärm der Gewehrsalven und Raketen, in ständiger Gefahr, beschossen zu werden.

Dank an die Unterstützer
Dass Eberharter und seine Gattin sich freiwillig in Todesgefahr begaben, hatte mehrere Gründe. Zum einen stammt Olga aus der Ukraine, deren Sohn ist immer noch dort. Zum anderen spürten beide ganz einfach den Drang, Menschen in Not zu helfen. “Wir organisierten bereits kurz nach Kriegsausbruch einen Transport mit Hilfsgütern in die Ukraine. Dank des Reisebusunternehmens Hagspiel im Bregenzerwald konnten wir viele dringend gebrauchte Güter ins Kriegsgebiet bringen und Menschen nach Vorarlberg transportieren”, erzählt der Pensionist. Ein Abenteuer nicht ohne Gefahr.
Doch was die beiden dann ein Jahr später wagten, stellte die erste Mission in punkto Abenteuer und Gefahr in den Schatten.

Rettungsfahrzeug aus Berlin
“Uns kam die Idee, ein Rettungsauto ins Kriegsgebiet im Osten zu bringen. Weil das etwas ist, was man dort besonders braucht”, erklärt der frühere Vertreter von Elektrogeräten seinen Tatendrang und den seiner Frau Olga. Gesagt getan. In Berlin fanden sie ein passendes Fahrzeug, erwarben es und fuhren damit in die Ukraine. “Nahe Kiew sagte man uns schon: Lasst das Fahrzeug umspritzen. Die Russen beschießen solche Autos bevorzugt”, erinnert sich Eberharter.

Nach einem Abstecher in Olgas Heimatstadt Chornobai ging es mit dem grün gespritzten Rettungsfahrzeug direkt nach Ridkodub in die Region Donetsk Oblast, nur 80 Kilometer entfernt von der Hölle von Bachmut.
“Die Fahrt war geprägt von unablässigem Lärm von Gewehrsalven und Raketen.” Angst hätten sie dennoch nicht gehabt, sagt Olga. “Wir mussten immer an die Menschen denken, die diesen Wahnsinn tagtäglich so tapfer ertragen. Das hat uns die Angst wie weggeblasen”, beschreibt Wilfried Eberharter seine Gefühle.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Gesichter des Krieges
Sie hätten sich durch die ukrainische Armee gut behütet und geschützt gefühlt. Freilich nahmen sie die vielen Gesichter des schrecklichen Krieges in jeder Minute wahr. Zerschossene Häuser, ausgebrannte Panzer, Friedhöfe übersät mit ukrainischen Flaggen, die, jede für sich, für einen gefallenen Soldaten oder einen getöteten Zivilisten stehen. Und alles begleitet vom nie aufhörenden Gefechtslärm. “Es war schon unglaublich. Die Menschen dort wussten genau, welches Geschoss aus einem Panzer, von einer Rakete oder von Gewehren stammt. Und wie weit alles weg ist. So als ob es das Selbstverständlichste sei.

Den Krieg als alltäglicher Begleiter nahm das Ehepaar Eberharter auch bei Autofahrten wahr. “Fahren konnte man nur auf festgelegten Strecken, da alles rundherum vermint ist. So sahen wir auch riesige Getreidefelder, die wegen dort liegender Minen nicht bewirtschaftet werden können.”
Penibel genau achteten die ukrainischen Soldaten auch darauf, was wo fotografiert wurde. “Jeder Hintergrund konnte Hinweise liefern. Das musste vermieden werden. Auch unsere Handys mussten wir zumeist ausschalten.

Wann hört das auf?
Für die Eberharters ging es bald wieder mit dem Zug zurück in den Westen. “Im Zug hatten wir vor dem Kriegslärm am meisten Respekt. Weil du da ja nicht einfach raus kannst und irgendwie hilflos bist.”
Die Reise ins ukrainische Kriesgegebiet haben Olga und Wilfried demütig gemacht. Sie überlegen sich bereits eine weitere Hilfsaktion. Doch vor allem würden sie sich eines wünschen. “Dass dieser schreckliche Krieg endlich vorbei ist.”