Wieso Vorarlbergs Kinder- und Jugendanwalt Alarm schlägt


Christian Netzer berichtet von Zunahme psychischer Probleme bei jungen Menschen und bedenklichen Ergebnissen beim Mystery-Shopping.
Bregenz Krieg, Klimakrise, Kostenexplosionen und Druck aufgrund verzerrter Realitäten in sozialen Medien: Alles Themen, welche die Gesellschaft vor Herausforderungen stellen und bei immer mehr jungen Menschen Zukunftsängste und Stress auslösen, wie Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer am Mittwoch bei der Präsentation des Tätigkeitsberichts 2022 erläuterte. Handlungsbedarf ortet er hinsichtlich langer Wartezeiten bei ambulanten Hilfsangeboten und Plätzen für Kinder und Jugendliche, die psychiatrische Behandlungen benötigen. Auch beim Thema Alkoholkauf im Handel und in Shops schlägt Netzer Alarm. Immer mehr Jugendliche würden sich zudem wegen Strafangelegenheiten bei der Kinder- und Jugendwaltschaft (kija) melden.

Fast ein Fünftel der Zehn- bis 19-Jährigen sei von psychischen Problemen betroffen, zitierte Netzer aus einer UNICEF-Studie aus dem Jahr 2021. Hauptsächlich seien es Angstthemen, welche die jungen Menschen beschäftigen.

“Trotzdem erhält das Thema immer noch nicht den Stellenwert, den es haben müsste”, ist sich der Kinder- und Jugendanwalt bezüglich der psychischen Gesundheit junger Menschen sicher.
Personalengpässe im System der Kinder- und Jugendhilfe hätten die Situation zudem verschärft. Unterstützungsangebote für Familien konnten demnach zeitweise in einzelnen Regionen nicht bearbeitet werden. Die Betroffenen hätten sich an regionale Stellen wenden müssen.
Netzer ortet auch Handlungsbedarf im Zusammenhang mit der Aufstockung der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie bei verstärkter Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch der Präventionsbereich sollte seiner Meinung nach gestärkt werden.
Mystery Shopping in Zahlen
253 Alkoholtestkäufe wurden 2022 durchgeführt
108 Mal gelang es minderjährigen Testkäufern. gebrannten Alkohol zu kaufen
94 Tabak- und Nikotintestkäufe wurden in Trafiken und Tankstellen durchgeführt
33 Mal konnten die jungen Testkäufer Tabak und Nikotin erwerben
Was den Zugang zu Alkohol für Jugendliche im Handel und Shops betrifft, zeigt der Tätigkeitsbericht bedenkliche Entwicklungen auf. Wie Netzer berichtete, wurden im Zuge des sogenannten Mystery Shoppings insgesamt 253 Testkäufe von 14- und 15-Jährigen im Handel und in Shops durchgeführt. Bei 108 Fällen beziehungsweise in 42 Prozent der Fälle gelang es den Testkäufern, gebrannten Alkohol zu kaufen, obwohl der Verkauf erst ab 18 Jahren erlaubt ist.

“Dies könnte auch dem Personalmangel oder Stress geschuldet sein”, meinte Netzer im Hinblick auf mangelnde Kontrollen. Neben Schulungen für das Personal hinsichtlich der Jugendschutzbestimmungen empfiehlt der Kinder- und Jugendanwalt auch Verwaltungsstrafen zu verhängen, um die Quoten zu senken. Diese seien nämlich beim Alkohol-Testkauf stark gestiegen. Konkret lag die Quote im Jahr 2019 noch bei 13 Prozent, im Jahr 2021 bei 31.

Was das Thema Nikotin und Tabak angeht, so gingen die Testkäufer im vergangenen Jahr 94 Mal auf Tour. Dabei gelangen es ihnen in 33 Fällen, Nikotin und Tabak zu kaufen. Hier stagniere die Quote, erklärte Netzer.

Gesamtgesellschaftliche Entwicklung
Zunehmend sei die kija auch mit Strafangelegenheiten beziehungsweise Rechtsberatungen konfrontiert, berichtete Netzer. Immer mehr Jugendliche würden die kija kontaktieren. Er sieht darin eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, da sich viele schon früh in Familiensystemen mit schwierigen Themen auseinandersetzen müssten.
Insgesamt bearbeitete die kija im vergangenen Jahr 227 Einzelfälle. Hauptfragestellungen habe es dazu zu den Themen Obsorge, Kontaktrecht und Scheidung gegeben. Insgesamt gesehen würden die Anfragen immer komplexer.
Positives hatte Netzer hinsichtlich der Vermittlung von Kinderrechten zu vermelden. So gibt es jetzt ein Schulprojekt. Im Rahmen von Lerncafés und Ferienbetreuung konnten außerdem über 1100 Schüler aus 60 Klassen erreicht werden.