„Seht, welch ein Mensch!“

Am Karfreitag führen neben den Ikonen uralte Texte die Gläubigen in ihre eigenen Abgründe.
Feldkirch Wer 2023 einen Karfreitag sehen will, braucht nur die Nachrichten aufzudrehen: Tod, Elend, Vertreibung – viele mögen längst nicht mehr hinsehen. 2020 lebten 280 Millionen Migranten auf der Welt, davon rund 80 Millionen gewaltsam vertrieben. Und da hatte Russland die Ukraine noch gar nicht überfallen. Mehr als acht Millionen Menschen aus der Ukraine leben inzwischen der UNO-Flüchtlingshilfe zufolge als Geflohene im Ausland, rund 5,3 Millionen sind im Land selber auf der Flucht. Eine verlässliche Zahl der Toten kennt niemand. Dafür ist der Krieg, der schon über 400 Tage dauert, noch immer zu jung.
Hier und jetzt
Aus Gründen dieser entsetzlichen Aktualität wäre es der Rankweiler Theologin Maria Duffner fast lieber, am Karfreitag statt einer Ikone den Feldkircher St. Annen-Altar ins Zentrum zu rücken. Wolf Huber hat ihn 1521 geschaffen. Seit 2006 steht er wieder in seiner vollständigen Form im Feldkircher Dom. Huber stellt die biblischen Szenen immer wieder in lokale Umgebung. Die Kreuzigung Christi platziert er nach Feldkirch mit einem Blick in die Felsenau. „Hier und jetzt findet sie statt, das will er uns sagen“, ist Maria Duffner überzeugt.
Ganz anders der Ikonenmaler. Rudi Jankovic stellt den gegeißelten und zum Spott mit Dornen gekrönten Jesus ganz zeitlos dar. Den Titel seiner Ikone hat er den Evangelien entlehnt. Es ist der Satz, der dem römischen Statthalter Pontius Pilatus entfährt, als er den Gequälten sieht: „Seht, welch ein Mensch!“ So stellt er ihn der wütenden Menge vor. Fast so etwas wie Verehrung schwingt da mit. Aber es nützt nichts. Er wird Jesus wenig später auf Drängen der Menge zum Tod am Kreuz verurteilen.
Reise in die eigenen Abgründe
Die orthodoxen Kirchen begehen den Karfreitag und die Erinnerung an Jesu Martyrium in einem langen Morgengottesdienst. „In 15 Stufen steigert sich das Drama bis zum Tod am Kreuz“, und Maria Duffner kann nicht umhin, die Texte dieser Gottesdienstfeier zu bewundern. Sie sind uralt und „bringen das erschrockene Staunen zum Ausdruck über das, was die Menschen in ihrer Blindheit am Sohn Gottes getan haben“. Es sind kurze Texte mit eingängigen Melodien, „die den Gläubigen ins Herz gesungen werden“. Sie leiten die Menschen an, sich auf ihre eigenen Tiefen und Abgründe einzulassen.
Regelrecht poetisch heißt es da: „Dunkel war die Sonne: sie konnte es nicht tragen, Gott geschändet zu schauen, vor dem das All erzittert.“ Oder „Zum Tod am Kreuz wird verurteilt der Richter der Lebenden und Toten. Dem Grab wird übergeben der Vernichter des Todes.“ Und schließlich: „Heute hängt am Kreuz, der die Erde auf Wassern schweben lässt.“

Wie die Ikonen der östlichen Kirchen scheinen auch die Texte wie aus einer anderen Welt. Am Karfreitag drücken sie namenlose Traurigkeit aus und fordern die Gläubigen gleichzeitig heraus, sich den eigenen Schattenseiten zu stellen, die jede noch so glänzende menschliche Existenz eben auch hat. Aber sie beinhalten auch den Ausblick auf den Ostertag, formuliert in der flehentlichen Bitte: „Zeig uns auch Deine Auferstehung!“
Fenster in die andere Welt

Die Berichterstattung zur Karwoche begleiten heuer Ikonen. Sie sind, sagt Maria Duffner nach kurzem Nachdenken, „Fenster in die Ewigkeit“. Meist auf Holz gemalt, blicken erstarrte Gesichter, oft in einer kindlichen Attitüde, den Betrachter an. Und doch: Nie treten Menschen in orthodoxen Kirchen vor die Ikone, ohne in kurzer Zwiesprache zu verharren, sich zu bekreuzigen, das Bild zu küssen. Warum eigentlich? Die Karwoche ist ein guter Ort, darüber nachzudenken. Das tun wir, gemeinsam mit der Theologin Maria Duffner und Generalvikar Hubert Lenz.