Warum der Wirbel um Putins “Herzplakat” an der MS Wolfurt überraschte

Vorarlberg / 02.04.2023 • 17:00 Uhr
Oliver Natter ist der Sprecher des Vereins "Vorarlberg hilft der Ukraine". Er zeigt sich von den Vorfällen an der MS Wolfurt überrascht. <span class="copyright">VN/Rhomberg</span>
Oliver Natter ist der Sprecher des Vereins "Vorarlberg hilft der Ukraine". Er zeigt sich von den Vorfällen an der MS Wolfurt überrascht. VN/Rhomberg

Oliver Natter, Sprecher der Initiative “Vorarlberg hilft der Ukraine”, ortet große Emotionalität.

Schwarzach Ein kleines Foto von Putin, versehen mit einem Herzmotiv, als Teil eines Geografieplakats zur Präsentation von Russland sorgte an der Mittelschule Wolfurt für große Aufregung – VN.at berichtete. Schüler und Schülereltern gerieten aneinander. Mitten drinnen ein Direktor, der die Welt nicht mehr verstand. Mediator Oliver Natter, Sprecher der Initiative “Vorarlberg hilft der Ukraine”, nimmt zum Vorfall und der doch nicht ganz einheitlichen ukrainischen Community in Vorarlberg Stellung.

Hat Sie dieser Konflikt wegen des Russlandplakats an der MS Wolfurt überrascht?

Natter: Ja das hat er. Es ging ja schließlich um 13- bzw. 14-jährige Kinder. Es wurden beide Eltern sehr emotional. Für mich war das der erste Fall, der eine solche Dimension erreicht. Und ich muss sagen: Die Gemüter haben sich bis jetzt nicht wirklich beruhigt. Die Fronten sind nach wie vor verhärtet. Das ist mein aktueller Stand. Ich habe versucht zu vermitteln. Ohne den erhofften Erfolg. Die Eltern des Buben, der das Russlandplakat gemacht hat, sagen, sie seien im Konflikt neutral. Was natürlich schwierig ist.

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Hat die Schule Ihrer Meinung nach einen Fehler gemacht?

Natter: Die Schule kann ein Ort sein, wo man über Konflikte redet. Insofern denke ich, dass es schon in Ordnung ist, solche Thematiken anzusprechen. Zumal es in diesem Fall ja nur um die Vorstellung von Ländern ging. Das Projekt als solches hat ja nicht vermuten lassen, dass so etwas herauskommt. Ich sehe kein Fehlverhalten des Lehrers.

<p class="caption">Ein kleines Foto mit Putin, umrahmt von einem Herz, genügt, um an der MS Wolfurt für großen Wirbel zu sorgen. <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="marker">Okhovska</span></p>

Ein kleines Foto mit Putin, umrahmt von einem Herz, genügt, um an der MS Wolfurt für großen Wirbel zu sorgen.  Okhovska

Nur wenn die Problematik wie in diesem Fall plötzlich auftaucht: Hätte man vielleicht darauf hinweisen müssen, wer in diesem Konflikt der Aggressor und wer das Opfer ist?

Natter: Es wäre im Nachhinein wohl besser gewesen, sofort mit den sich getroffen fühlenden ukrainischen Eltern den Kontakt zu suchen. Es ist als österreichischer Lehrer natürlich auch durchaus legitim, Putin explizit als Kriegsverursacher zu benennen. Auch dass er aufgrund eines aufrechten Haftbefehls in Österreich sofort verhaftet werden müsste. Das sind Fakten. Ich verstehe die ukrainischen Eltern. Für die ist Putin wie Hitler. Ihre Emotionalität ist nachvollziehbar. Auch die offizielle österreichische Position ist ja klar. Ich will jetzt aber niemandem in dieser Sache einen Vorwurf machen.

Wie stark emotionalisiert bzw. traumatisiert erleben Sie die ukrainische Community ein Jahr nach Ausbruch des Krieges?

Dadurch, dass die Ukraine gewisse militärische Erfolge hatte, sind gewisse Ängste nicht mehr da. Zum Beispiel jene, dass ihr Land komplett überrannt wird. Geblieben ist freilich die Angst um die Angehörigen. Es sind ja vor allem Frauen da, die um ihre Männer und die Väter bangen. Es gibt auch Familien, wo sich ein Mitglied hier nicht wohlfühlt und zurück will. Ich nenne das Beispiel einer Familie, die in Laterns bestens untergebracht war. Da wollte die Tochter unbedingt zurück. Sie hat aufgehört zu essen. Das ging so weit, bis die Mutter nachgegeben hat und mit ihrer Tochter wieder zurück in die Ukraine ging. Tragisch sind natürlich auch Fälle, wo Todesfälle aus der Ukraine hierher gemeldet werden.

Ukrainische Flüchtlinge organisieren sich hier in Vorarlberg. Ihre Position ist klar. Sie wollen den Aggressor Russland aus ihrem Land haben. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Ukrainische Flüchtlinge organisieren sich hier in Vorarlberg. Ihre Position ist klar. Sie wollen den Aggressor Russland aus ihrem Land haben. VN/Paulitsch

Erleben Sie bei uns auch Putin-freundliche Ukrainer?

Ich kenne keine, die das zugeben würden. Wenn sie es wären, würden sie mir das nicht sagen. Bedenklich finde ich, dass ich mich mit einigen Vorarlbergern und ihren verqueren Ansichten auseinandersetzen muss. Die erzählen mir, dass der Krieg 2014 angefangen hat. Nur erwähnen sie nicht, dass ja Russland damals schon die Krim überfallen hat. Sie meinen dann sogar, dass Russland unschuldig sei. Bemerkenswert finde ich ja auch ein Faktum: Drei der vier Bevölkerungsgruppen, die sich in großer Zahl als Flüchtlinge bei uns befinden, sind vor Putin-Kriegen geflüchtet: Tschetschenen, Syrer und jetzt Ukrainer. Es sind zum Beispiel einige Tschetschenen in die Ukraine gegangen, die gegen Putin kämpfen, unter anderem ein Ex-Schüler von mir.

Nicht alle teilen den Standpunkt, dass Waffen in die Ukraine geliefert werden sollen. "Besonders einige Vorarlberger sind auch für Putin", sagt Oliver Natter. <span class="copyright">VN/Rhomberg</span>
Nicht alle teilen den Standpunkt, dass Waffen in die Ukraine geliefert werden sollen. "Besonders einige Vorarlberger sind auch für Putin", sagt Oliver Natter. VN/Rhomberg

Was hat sich am Lebensgefühl der Ukrainer bei uns im Land im Verlauf dieses Jahres verändert?

Natter: Zu Beginn des Krieges wollten alle so schnell wie möglich wieder nach Hause. Mittlerweile wollen viele hierbleiben. Sie haben sich gut integriert, Jobs gefunden und es gefällt ihnen bei uns. Die Anzahl jener, die bleiben wollen, steigt ständig.

Hat sich an der Willkommenskultur der Vorarlberger etwas geändert?

Das spontane Zurverfügungstellen von Wohnungen passiert kaum mehr. Der Krieg ist zur Normalität geworden. Man hat sich etwas entfernt, das Mitgefühl lässt nach. Wobei ich eines sagen kann: Jobs für Ukrainer finde ich immer noch sehr leicht.

Worauf konzentriert sich Ihre Arbeit als Flüchtlingshelfer zwischenzeitlich?

Es geht jetzt weniger um Wohnungssuche. Es kommen auch keine Flüchtlinge mehr nach. Jetzt konzentriert sich unsere Hilfe auf die Jobsuche und die Organisation von gemeinschaftlichen Aktionen für die Community.