“Murmeltier-Affäre” erregt in Lech die Gemüter

Ein Text, gespickt mit sexistischen Anspielungen, zwei verärgerte Listenführer und ein Tourismusdirektor in Erklärungsnot: Lech kommt politisch nicht zur Ruhe.
Lech Im politischen Lech hängt einmal mehr der Haussegen schief. Als “Murmeltier-Affäre” beschäftigt ein Text, gespickt mit sexistischen Anspielungen, längst die politischen Gremien. Gemeindevertreter orten in einem Beitrag des Tourismusmagazins “Zeit Raum” eine “geschmacklose Entgleisung”. Das mondäne Lech verkommt ein Stück weit zur “Löwinger Bühne”. Die Opposition sieht Hermann Fercher (63) dafür verantwortlich. Der Tourismusdirektor spricht wiederum vom Versuch, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen.

Der Unmut hat jedenfalls einen tierischen Ursprung. Es ist die Geschichte über einen Nager, die die Wogen hochgehen lässt. Die fiktiven Tagebücher des Alpenmurmeltiers unter dem Titel “Und täglich grüßt das Murmeltier” im Tourismusmagazin, das in einer Auflage von rund 10.000 Expemplaren gedruckt wurde, sorgen mittlerweile auch außerhalb der Gemeinde für Kopfschütteln.

Da wird etwa die Länge des Geschlechtsteils eines der Nager thematisiert, dann wiederum geht es um die Verrichtung der Notdurft. Die Murmeltiere haben Namen. Eines heißt Clemens, ein anderes Brigitte. Womit die Geschichte eine politische Dimension erhält. Clemens Walch (64) ist Listenführer von “Unser Dorf”, Brigitte Finner (51) übt diese Funktion bei der Liste “Zukunft wagen” aus. Alles nur Zufall?

Daran wollen jedenfalls die beiden Gemeindepolitiker nicht glauben. Hier werde vielmehr auf geschmacklose Art und Weise politisches Kleingeld gemacht. “Der Beitrag ist untergriffig, sexistisch und nicht zu Lech passend”, sagt Clemens Walch. Ein Tourismusdirektor müsse schon wissen, wann er übers Ziel hinausschießt. Das sei dem Niveau eines Ortes wie Lech nicht würdig.

Dass die Namen bewusst gewählt wurden, davon ist auch Brigitte Finner überzeugt. Auch sie nimmt den Tourismusdirektor in die Pflicht. “Die Verantwortung für den Inhalt des Magazins liegt beim Geschäftsführer”, ortet Finner eine interne politische Botschaft. Da würden im gesamten Magazin Persönlichkeiten ins beste Licht gerückt, die beiden Listenführer der Opposition hingegen der Lächerlichkeit preisgegeben.

Eine gänzlich andere Sicht der Dinge hat Tourismusdirektor Hermann Fercher. “Die Wahl der Namen fand seitens der Redaktion in Wien willkürlich und ohne Hintergedanken statt.” Es tue ihm leid, wenn sich jemand angesprochen und beleidigt fühle, lässt er in einer schriftlichen Stellungnahme an die VN wissen. Die Aufregung um den Artikel verstehe er nicht, zukünftig würde man aber auf “reale Namen” verzichten. Dazu sei die Redaktion, die das Magazin macht, angewiesen worden.

Der Murmeltier-Beitrag dürfte aber noch länger zu reden geben. Auch weil die bisherige Aufarbeitung nur holprig verlief. Eine von den Listenführern der Opposition angefragte Stellungnahme des Tourismusdirektors ließ demnach länger auf sich warten. Das Thema wird auch deshalb bei der nächsten, nicht öffentlichen Gemeindevertretungssitzung wieder auf der Agenda stehen. “Sexismus und dieses Niveau haben in einem Tourismusmagazin von Lech nichts verloren. Auch nicht die Dreistigkeit, zwei Personen so darzustellen”, befindet Brigitte Finner.
Beitrag aus dem Magazin “Zeit Raum”: Text in voller Länge

Und täglich grüßt das Murmeltier
Aus den Tagebüchern eines Alpenmurmeltiers
17. September
Ingeborg meint, ich sei ganz schön fett geworden. Fand ich süß, dass sie das sagt.
18. September
Habicht-Angriff gleich in der Früh. War dabei, die letzten Gräser fürs Nest reinzutragen, und hab dann Clemens‘ scharfen Pfiff gehört. Grad nochmal davongekommen. Clemens kommt sich jetzt wahnsinnig gut vor. Ingeborg hat trotzdem vorgeschlagen, den Winter bei mir zu verbringen. Das freut mich.
21. September
Clemens und seine Sippe schlafen auch bei uns. Naja. Hab ihm klargemacht, dass er sich aber gefälligst selbst eine Toilette graben kann.
22. September
Total eingeschneit. Mit Ingeborg ist es schön warm, dabei hat sie gar nicht so viel auf den Rippen. Hab ihr heut gestanden, dass ich das tiefe Gelb ihrer Zähne außerordentlich anziehend finde. Werden erst mal ein bisschen dösen.
9. Oktober
Musste heute aufs Klo, und wen seh ich dort? Clemens!! Keine Kraft für Diskussionen, aber im Frühling werd ich ihm die Meinung geigen.
13. Jänner
Kann nicht richtig schlafen, weil ich alle zwei Wochen aufs Klo muss. Ingeborg meint, das sei normal, ihr gehe es auch so. Hat mich beruhigt.
1.April
Heute früh hat mir irgendwer die Fluchtröhre mit Steinen vollgeräumt. Hat sich herausgestellt, dass es Ingeborg war. Das sollte wohl lustig sein. Habe keine Miene verzogen, als sie mir später den „Scherz“ gestanden hat. Noch recht kalt, werde ein Nickerchen halten.
4. April
Ingeborg wollte heute raus, ihre innere Uhr sagte ganz klar: Der Frühling ist da. War noch verstimmt wegen des halblustigen Fluchtröhre-Scherzes, aber ich spürte den Frühling auch und bin dann doch mit ins Freie. Beim gemeinsamen Bad in der Sonne haben wir uns endlich versöhnt. Sie hat mir den ersten Klee überlassen. War schön!
2. Mai
Clemens lässt keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass seine Rute beinahe halb so lang ist wie sein gesamter Körper. Als käme es darauf an. Ich finde, 12 cm sind absolut ausreichend und auch in der Norm!
3. Mai
Heute feiert Brigitte ihren 15. Geburtstag. Wie alt man werden kann, wenn man seine zwei Hektar jeden Tag abgeht! Werde sie heute in ihrem Bau besuchen und die Jubilarin hochleben lassen!
6. Mai
Manchmal habe ich das Gefühl, ich gehöre nicht wirklich dazu. Schon mindestens zehn Tage mit niemandem mehr Nase gerieben. Ingeborg hat sich angeboten, aber ich merke, dass ich ihr die Sache mit der Fluchtröhre doch noch ein bisschen übel nehme. Keinen wirklichen Appetit.
10. Mai
Habe übrigens noch kaum zugenommen. Schuld daran vermutlich Nachwirkungen der Winterdepression. Wird schon werden. Brigitte hat den Winter nicht gut überstanden und pfeift schon aus dem letzten Loch.
12. Mai
Mit Appetit einen ganzen Haufen Alpenklee verdrückt. Stimmung wird besser. Clemens‘ ewiger Rutenvergleich geht mir auf die Nerven. Werde ihn vielleicht darauf ansprechen. Mit Ingeborg läuft’s wieder gut. Ihr Appetit beeindruckt mich.
23. Mai
Ingeborg will dieses Jahr keine Jungen. In zwei Jahren vielleicht wieder, meint sie. Ist mir auch recht.
4. Juni
Heute brennt die Sonne richtig runter. Hab drum beschlossen, erst mal im Bau zu bleiben. Hab Clemens endlich wegen der Toilettengeschichte angesprochen. Passt. Ich glaub, der Sommer wird fett.
Quelle “Und täglich grüßt das Murmeltier – Einblicke in die geheimen Tagebücher eines Alpenmurmeltiers.” von Michaela Bilgeri. Lech Zürs Magazin “ZeitRaum”, 2022|2023, Seite 48/49. Mit Illustration von Rainer Hilbe. Herausgeber: Lech Zürs Tourismus GmbH