Zeitzeuge erzählt über den Einmarsch der Russen: “Es waren raue Gesellen”

Vorarlberg / 02.03.2023 • 11:00 Uhr
Josef Buder aus Nüziders hat den Brief von seiner Urgroßtante nie geöffnet. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Josef Buder aus Nüziders hat den Brief von seiner Urgroßtante nie geöffnet. VN/JUN

Josef Buder aus Nüziders erlebte als Kind den Einmarsch der Russen mit. Sie nahmen 1945 das Gasthaus seiner Eltern in Beschlag. Heute sieht der 86-Jährige darin Parallelen zum Ukraine-Krieg und ist der Meinung: “Jetzt stehen wir wieder dort, wo wir schon vor 80 Jahren standen.”

Nüziders Der Krieg in der Ukraine ist gut ein Jahr alt. Für Josef Buder aus Nüziders ist es wie ein Déjà-vu. Er hat als Kind den Einmarsch der Russen in seine Heimatstadt Thörl bei Aflenz in der Steiermark mitbekommen. Josef Buder wurde 1937 geboren, im April 1945 fielen in der kleinen Gemeinde dann die Worte: „Die Russen kommen.“ „Die Worte haben wie ein Feuer durch den Ort geschallt“, erinnert sich Josef Buder an die schlimme Zeit zurück. „Man hat gewusst, die Russen sind nicht die angenehmsten Leute.“ Einen Tag später marschierten die Russen in Thörl ein. „Es waren raue Gesellen, ohne jede Kultur, unzivilisiert und sie waren wahnsinnig scharf auf Alkohol und Uhren.“

Seine Eltern betrieben ein Gasthaus. Es war eins von zwei Gasthäusern im Ort. „Die Russen haben unser Gasthaus in Beschlag genommen.“ Als die Russen ins Gasthaus einmarschierten, griffen sie direkt nach dem Alkohol und tranke alles leer. „Sie hatten einen Rausch und waren voll.“ Dann sind er, seine Geschwister und seine Eltern in die Privatzimmer im oberen Stock geflüchtet. Sein Vater wurde jedoch gezwungen, in den Keller zu gehen, wo Getränke und Lebensmittel gelagert wurden. Dort haben die Russen sämtliche Getränke an sich gerissen, vornehmlich alkoholische Getränke. Die Soldaten sind ein- und ausgegangen. Sie haben die Küche benutzt, dort gekocht. „Dieses Chaos hat einige Tage gedauert. Unser Glück war, dass es sich ein hochrangiger, russischer Offizier im Gastraum gemütlich gemacht, dort sein Büro eingerichtet und Schreibkram verrichtet hat“, erzählt der 86-Jährige weiter. Deshalb habe der Offizier auch ein Plakat erstellt, mit der Aufschrift, dass normale russische Soldaten keinen Zutritt mehr haben. „Dieser Mann war ein halbwegs zivilisierter Mensch. Wir mussten ihn dulden.“

„Rowdys ohne Anstand“

„Wie lange die Russen im Dorf waren, weiß ich nicht mehr.“ Er erinnert sich aber noch, dass die Russen nach zwei oder drei Wochen abgezogen wurden und an deren Stelle die Engländer kamen. Im Zweiten Weltkrieg haben die Großmächte Frankreich, Amerika, England und Russland Österreich besetzt. Die Engländer nahmen ebenfalls die Gaststätte in Beschlag, „aber ohne Gewalt“, betonte der Nüziger. Auch sie haben die Küche zum Bekochen der Soldaten benutzt. Doch „im Gegensatz zu den Russen waren die Engländer feine Leute“. Die Russen waren „Rowdys ohne Anstand und Manieren“, doch die Engländer haben Manieren gehabt. „Bis der letzte fremde Soldat Österreich verlassen hatte“, so lange blieben die Engländer, denkt Josef Buder zurück. „Vor den Russen hatte ich Angst, vor den Engländern nicht.“ Im Gegenteil: Er, so erzählt Josef Buder, bekam sogar ab und zu ein Keks oder Kaugummi von ihnen geschenkt. „Ich wusste damals gar nicht, was ein Kaugummi überhaupt ist.“

„Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Einwohner von Nüziders, der am eigenen Leib den Einmarsch der Russen erlebt hat“, ist Josef Buder überzeugt. Die Böhler Stahlwerke in Kapfenberg – ein Rüstungsbetrieb – waren damals ein beliebtes Ziel der Russen für eine Bombardierung. „Wir haben die Sirenen in Thörl öfters gehört. Das war das Vorzeichen, dass Kapfenberg wieder bombardiert wird.“ Josef Buder hat das Geräusch der fallenden Bomben noch genau im Kopf. Die Russen haben auch Maschinen aus dem Stahlwerk abmontiert, auf den Güterzug verfrachtet und in ihre Heimat transportiert, wahrscheinlich, vermutet Josef Buder, weil diese Maschinen besser waren als die eigenen.

Der Brief an August Oberbichler ging retour, nachdem dieser im Krieg gefallen war.
Der Brief an August Oberbichler ging retour, nachdem dieser im Krieg gefallen war.

Brief mit Bedeutung

Emotional belastet ihn ein Brief seiner Urgroßtante. Die Urgroßtante, die vor 30 Jahren gestorben ist, hatte in ihrem Nachtschränkchen einen Brief aufbewahrt. Es war ein Brief, den sie an ihren Sohn, Obergefreiten August Oberbichler, geschickt hatte – und der bei ihm nie ankam. „Die zwei haben regelmäßig miteinander korrespondiert“, erzählt Josef Buder. Doch dieser Brief aus dem Jahr 1945 ging wieder retour. Auf dem Briefumschlag war unten in lila Handschrift zu lesen „gefallen für Großdeutschland“. Josef Buders Urgroßtante hatte zwei Söhne, beide waren beim deutschen Militär als Pilot im Einsatz, beide sind im Krieg gefallen. Den Verlust hat sie nie verkraftet. „Sie hat den Verlust nie überwunden. Immer wieder hat sie mir von ihren zwei Söhnen unter Tränen berichtet“, sagt der Pensionist. Geöffnet hat Josef Buder den Brief nie, seit 30 Jahren nicht.

„August ist gefallen für eine Katastrophe. Jetzt stehen wir wieder vor einer Katastrophe“, sieht Josef Buder Parallelen zum Ukraine-Krieg. „Das Kriegsgeschehen berührt mich. Jetzt haben wir den Krieg vor unserer eigenen Haustür. Warum lernt die Menschheit nicht aus Fehlern?“ Jeder Krieg sei ein Fehler, die Weltkriege damals wie der Ukraine-Krieg heute. „Die Situation ist äußerst bedenklich.“ Damit meint er nicht ausschließlich den Ukraine-Krieg, sondern die Weltpolitik allgemein. Die Zustände, die auf der Welt zurzeit herrschen, seien sehr beunruhigend. „Bis vor zehn, 15 Jahren dachte ich noch, ich sei ein Optimist. Diese Ansicht kann ich seit einigen Jahren nicht mehr vertreten. Jetzt bin ich eher ein Pessimist.“ Deswegen belastet ihn dieser Brief seit einem Jahr besonders stark, denn „jetzt stehen wir wieder dort, wo wir vor 80 Jahren standen.“ VN-JUN