Alle Jahre wieder Stress an den Volksschulen: Und das nur, weil …

Vorarlberg / 17.01.2023 • 16:55 Uhr
Friederike Mörschel ist Volksschullehrerin und gleichzeitig Mutter eines Viertklässlers. Schon in der dritten Klasse werden manche Eltern nervös.
Friederike Mörschel ist Volksschullehrerin und gleichzeitig Mutter eines Viertklässlers. Schon in der dritten Klasse werden manche Eltern nervös.

Reicht’s fürs Gymnasium? In den vierten Klassen kann schon ein Zweier Schicksal spielen.

Dornbirn Michael Wehinger (53) ist ein erfahrener Volksschullehrer. Er mag seinen Beruf, den er an der Volksschule Dornbirn Haselstauden ausübt. Doch jetzt könnte er ihn wieder . . . “Es ist echt schwer”, seufzt der Pädagoge. Da hast du ein Kind in der vierten Klasse, von dem du weißt, dass es absolut gymnasiumsreif ist. Aber in einem der Hauptfächer würde es halt ‘nur’ für einen Zweier reichen. Gleichzeitig weißt du: Gibst du dem Schüler einen Zweier, kommt er ziemlich sicher nicht in seine gewünschte AHS. Was sollst du da machen? Du wirst ihm, wenn es nur irgendwie argumentierbar ist, den Einser geben.”

Volksschullehrer Michael Wehinger unterrichtet heuer wieder eine vierte Klasse und ist mit der Problematik konfrontiert. <span class="copyright">VN/Steurer</span>
Volksschullehrer Michael Wehinger unterrichtet heuer wieder eine vierte Klasse und ist mit der Problematik konfrontiert. VN/Steurer

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“Welche Note kriegt mein Kind?”

Wieder einmal stehen bei Wehinger als Vierte Klasse-Lehrer solche Entscheidungen an. Wieder einmal stört ihn das enorm. Zumal er weiß, dass ein Einser nicht an allen Volksschulen der Umgebung dieselbe Wertigkeit hat. Und dass die Gymnasiumsplätze im Bezirk Dornbirn heiß umkämpft sind.”

Kollegin Friederike Mörschel (43) kennt das Dilemma als Lehrerin und Mutter. Sie unterrichtet in eine Ganztagsklasse der dritten Schulstufe. “Schon jetzt fragen auch bei mir die Eltern, welche Ziffernnoten ihre Sprösslinge denn bekommen werden. Ich weiß genau, dass sie das auch vor dem Hintergrund der anstehenden Bildungswegentscheidung im kommenden Schuljahr tun.”

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Als Mutter hat Mörschel einen Buben in einer anderen Volksschule im Raum Dornbirn. “Ich werde ihm und seiner Lehrerin keinen Druck auferlegen. Ich akzeptiere, was kommt. Doch bei anderern Eltern ist das anders. Das habe ich schon bemerkt.”

Sowohl Wehinger als auch Mörschel sprechen sich dezidiert für eine Gemeinsame Schule aus.

Individuelle Förderung und eine innere Differenzierung wären zwei Hauptmerkmale einer Gemeinsamen Schule. Die Forderung nach diesem Modell wird wieder lauter. <span class="copyright">APA</span>
Individuelle Förderung und eine innere Differenzierung wären zwei Hauptmerkmale einer Gemeinsamen Schule. Die Forderung nach diesem Modell wird wieder lauter. APA

Desillusioniert

Direktor Jürgen Sprickler (61) ist bezüglich Bildungswegentscheidung in seinem letzten Dienstjahr schon längst desillisioniert. “Dieses Problem mit der Trennung von Schulkinder mit zehn beschäftigt mich schon 40 Jahre. Seit ich als Volksschullehrer angefangen habe.” Schon damals habe es in der vierten Klasse den Druck für Lehrer und Schüler gegeben. Schon damals hätten gut situierte Eltern ihren klaren Wunsch deponiert, dass ihre Kinder “Gymnasiumsnoten” bekommen sollten. “Es war mir damals bereits klar, dass am System etwas verändert gehört. Mal gab es mehr Hoffnung, dass sich etwas verändert, mal weniger. Aber Bildungsentscheidungen wurden immer politisch getroffen. Geändert hat sich nichts. Und so kam es nie zur einzig richtigen Lösung, einer Gemeinsamen Schule für Zehn- bis 14-Jährige”, musste Sprickler zur Kenntnis nehmen.

Jürgen Sprickler, Direktor an der Volksschule Dornbirn Haselstauden,  ist seit 40 Jahren mit der Trennung von Kindern im Alter von zehn Jahren unzufrieden. <span class="copyright">MS Haselstauden</span>
Jürgen Sprickler, Direktor an der Volksschule Dornbirn Haselstauden, ist seit 40 Jahren mit der Trennung von Kindern im Alter von zehn Jahren unzufrieden. MS Haselstauden

Das Thema brennt

Wünschen würden sich dieses Schulmodell viele. Auch die Industriellenvereinigung hat sich diesbezüglich einmal mehr eindeutig positioniert. “In unserem Strategiepapier ist die Forderung nach einer Gemeinsamen Schule mit einer inneren Differenzierung ein wichtiger Bestandteil. Die Trennung der Kinder kommt zu früh. Das sehen auch unsere Mitglieder genau so”, formuliert IV-Geschäftsführer Christian Zoll (29) die Haltung seiner Organisation.

Christian Zoll spricht für die Vorarlberger Industrie: Diese würde sich einen Systemwechsel bei der Bildung wünschen.  <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Christian Zoll spricht für die Vorarlberger Industrie: Diese würde sich einen Systemwechsel bei der Bildung wünschen. VN/Paulitsch

Geteilt wird diese Forderung vom Elternverband, der offiziellen Vertretung der Schülereltern in Vorarlberg. Sprecher Michael Tagger (59). “Das Thema brennt bei uns, und ich hoffe es kommt wieder Schwung rein in die Diskussion. Gerade jetzt erleben wir wieder die Nachteile des jetzigen Systems an den Volksschulen: Leid, Druck, Stress, verursacht durch den Notendruck. All das könnte man durch eine Gemeinsame Schule verhindern.”

Das Thema "brennt wieder", glaubt Elternvertreter Michael Tagger und hofft dass wieder Schwung in die Diskussion um eine Gemeinsame Schule kommt. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Das Thema "brennt wieder", glaubt Elternvertreter Michael Tagger und hofft dass wieder Schwung in die Diskussion um eine Gemeinsame Schule kommt. VN/Paulitsch

Theorie und Praxis

In Vorarlberg hatte der Landtag 2015 mit großer Mehrheit beschlossen, die Empfehlung des damals frischen Forschungsprojekts “Schule der Zehn- bis 14-Jährigen in Vorarlberg) nach einer Gemeinsamen Schule zu unterstützen und eine Modellregion Vorarlberg zu ermöglichen

Es blieb bei einer reinen Absichtserklärung. Zwar hat der Bund die Möglichkeit zur regionalen Umsetzung eines solchen Modells beschlossen, doch sind die Bedingungen dafür nicht realisierbar.

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