“Christkind, ich hab’ dich lieb – dafür hätte ich gerne Handschuhe”

100 Jahre schon wandelt Anita Wabersich hier auf Erden. An Weihnachten taucht die hochbetagte Feldkircherin gerne in die Vergangenheit ein. Die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit bleiben ihr unvergessen.
Feldkirch Das bevorstehende Weihnachtsfest macht Anita Wabersich nervös. „Ich habe Angst vor Weihnachten“, gesteht die Hundertjährige, die seit eineinhalb Jahren im Altenheim Haus Schillerstraße in Feldkirch lebt. Die hochbetagte Frau befürchtet, dass Erinnerungen und starke Gefühle sie am Heiligen Abend überwältigen. Ihre schönsten Erinnerungen hängen mit Weihnachten zusammen. Als Kind freute sie sich schon im November aufs Christkind. „Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Ich teilte ihm mit, dass ich es liebhabe und dass ich für meine Liebe gerne Handschuhe hätte. Das war damals ein großes Geschenk“, taucht Anita mit leuchtenden Augen in die Vergangenheit ein. Das Christkind war in den Vorstellungen des kleinen Mädchens ein goldener Prinz, der alles wusste. „Ich habe lange ans Christkind geglaubt, bis 14.“

Ihre Eltern verstanden es, das Weihnachtsfest zu einem Erlebnis zu machen. „Meine Schwester Maria und ich durften am 24. Dezember nicht im Haus sein, weil das Christkind dort zu tun hatte. Unsere Eltern schickten uns nach dem Frühstück zum Rodeln oder zu Freundinnen, die eine Bauernwirtschaft hatten.“ Erst um 17 Uhr durften wir wieder nach Hause kommen. „Dann warteten wir in der Küche voller Ungeduld aufs Christkind. Als die Glocke klingelte, wussten wir: Das Christkind ist gekommen, es ist mit der Arbeit fertig.“ Die Eltern machten die Tür zum Wohnzimmer auf und gaben damit den Blick frei auf einen großen, mit Engeln und silbernen Kugeln geschmückten Tannenbaum. Mit staunenden Augen bewunderten die Mädchen den Christbaum. Ihr Blick wanderte dann aber schnell zu den schön eingepackten Geschenken unterm Baum. „Wir durften das Geschenkpapier nicht ungezügelt wegreißen, weil das Christkind viel Arbeit hatte, sie einzupacken.“ Anita und ihre jüngere Schwester freuten sich über die Präsente. „Jede von uns bekam ein Geschenk, entweder Handschuhe, Socken oder einen Schal.“
Das Geschwisterpaar wuchs bescheiden, aber sehr behütet auf. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit.“ Unvergessen bleiben ihr die acht Sommer, die sie als Kind mit ihrer Schwester und ihrer Tante auf der Alpe Sera im Großen Walsertal verbrachte. „Da oben gab es keine Sorgen. Da war Alpenfrieden und Freiheit. Man konnte tun und lassen, was man wollte.“ Die Älpler schätzten Anita, auch weil sie jeden Freitag mit der Ziehharmonika aufspielte. „Ich konnte drei Lieder spielen. Mit denen habe ich für die Älpler Tanzmusik gemacht“, schildert sie lächelnd. Obwohl die Alpsommer viele Jahrzehnte zurückliegen, hat sie noch alles lebhaft vor Augen. Auch an die anderen Stationen ihres Lebens kann sich die Hochbetagte noch gut erinnern.

Als junge Frau arbeitete sie einige Jahre beim Fernmeldeamt, nach einer Umschulung wechselte sie ins Büro des Hochbauamtes. Den Krieg überstand sie ohne Verletzungen, aber er nahm ihr ihre erste Liebe, einen Studenten aus Graz. „Wenige Wochen bevor er starb, schrieb er mir noch einen Brief. Er meinte, dass er bald daheim sei, es könne gar nicht anders sein. Aber dann bombardierten die Russen ein Schiff in der Ostsee. Es sank und mit ihm 4000 Soldaten, darunter mein Liebster.“ Anita hält kurz inne, bevor sie fortfährt. „Ich habe in meinem Leben viel Schweres erlebt, aber auch viel Schönes. Durch das Schwere reift man.“ Absolute Höhepunkte in ihrem Leben waren die Hochzeit mit dem 14 Jahre älteren Stoffdesigner Alfred Wabersich und die Geburt der Söhne Ekkehard und Dietmar.



Das Muttersein erfüllte Anita. Als Mama war es ihr wichtig, Weihnachten so zu gestalten, dass die Kinder die größtmögliche Freude hatten. „Ich habe es so gemacht wie meine Eltern.“ Das kam bei den Söhnen gut an. Dietmar erinnert sich an “wunderschöne Weihnachtsfeste. Wir haben zusammen gesungen und gegessen, es gab immer Schnitzel mit Kartoffelsalat.”


Das traute Familienglück wurde jäh zerstört durch den plötzlichen Tod des erstgeborenen Sohnes im Jahr 1972. „Ekkehard stürzte vom Rad, ein Aneurysma war in seinem Kopf geplatzt. Er wurde nur zwölf Jahre alt“, erzählt die rüstige Frau vom schwersten Schicksalsschlag ihres Lebens. Rückblickend weiß Anita nicht mehr, „wie ich das überstanden habe“.

19 Jahre später musste sie abermals von einem geliebten Menschen Abschied nehmen. Ihr Ehemann verstarb nach einem Schlaganfall. Aber das letzte Wort hatte das Leben und nicht der Tod. „Ich habe es verstanden, mir das Leben selbst schön zu machen.“ Die Witwe fand auch eine neue Aufgabe. „Ich habe bei kranken Menschen Nachtwache gehalten.“
Rückblickend kommt es ihr vor, dass sie im Nu alt geworden ist. „Ich kann mein Alter nicht fassen.“ Bis zum 97. Lebensjahr versorgte sie sich noch selbst. Der Gang ins Altersheim war vorgezeichnet, als ihre Beine sie nicht mehr trugen und ihr Augenlicht sich rapide verschlechterte. „Ich dachte mir: Geh‘ ins Altersheim und stirb‘.“ Bevor sie ihr Zuhause in Tisis aufgab, rief sie noch Pater Pio an, den Heiligen aus Italien, den sie verehrt. „Ich bat ihn, mir beizustehen.“ Seiner Hilfe schreibt sie es zu, „dass ich noch immer gerne lebe“. Es gefällt ihr im Heim. „Ich habe es schön hier.“ Ihr Sohn kommt sie regelmäßig besuchen. Die weihnachtliche Lichterkette an der Decke hat er angebracht. Auch den kleinen Christbaum im Zimmer hat er mitgebracht, ebenso den Engel mit den großen Flügeln und die kleinen Glasvögel. Dietmar weiß, wie er seiner Mutter eine Freude bereiten kann.
