Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Sich zuständig fühlen

Vorarlberg / 30.11.2022 • 11:00 Uhr

Das Gartentor gehört irgendwie niemandem. Es öffnet den Eingang zur Wohnanlage. Seit Wochen schon schleift es am Boden. Hat regelrechte Rillen in den Waschbeton gezogen. Aber repariert wird es nicht. Stattdessen haben die Bewohner regelrechte Techniken entwickelt, um hindurch zu schlüpfen. Bis auf den Herren von Nummer 12, der nimmt neuerdings den Umweg in Kauf. Er passt einfach nicht mehr durch.

So ist das eben, wenn sich keiner zuständig fühlt. Dann erregen sich zwar die Menschen lautstark über die großen und kleinen Missstände ihrer Welt, aber sie beseitigen sie nicht. So wie Menschen auch einen Weg hin und retour spazieren – oft mehrmals am Tag – und dabei den achtlos weggeworfenen Becher auf dem Trottoir in geradezu kunstvollen Schlenkern ihres linken Fußes umrunden. Nur aufheben tut ihn niemand. Vermutlich, weil es ja Aufgabe der örtlichen Straßenreinigung ist, oder nicht?

Wie eine Welt aussähe, für die sich tatsächlich niemand mehr zuständig fühlte, wagen wir uns gar nicht vorzustellen. Aber den Weg in eine Welt, in der jeder Handgriff bezahlt werden muss, um wenigstens delegierte Verantwortung walten zu lassen, den beschreiten wir lustvoll.