“Es gibt kein leichtes Leben – für niemanden”

Vorarlberg / 19.10.2022 • 14:30 Uhr
 Die Schaffenskraft des Bildhauers war in den vergangenen 26 Jahren groß. Aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung kann Anton Sutterlüty seiner Kunst nicht mehr nachgehen. <span class="copyright">Beate Rhomberg </span>
Die Schaffenskraft des Bildhauers war in den vergangenen 26 Jahren groß. Aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung kann Anton Sutterlüty seiner Kunst nicht mehr nachgehen. Beate Rhomberg

Anton Sutterlüty (86) gab sich viele Jahre der Kunst hin. Heute überlässt sich der kranke Künstler Gott.

Langenegg Anton Sutterlüty (86) schaut sich jeden Tag seine Werke an, nicht aus Stolz, sondern aus Dankbarkeit.

“Mich interessierte alles, vor allem aber das Geheimnisvolle”

Einige der Skulpturen, die er in den vergangenen 26 Jahren geschaffen hat, verschönern sein Heim. Der Künstler wohnt in einem alten Bauernhaus in Langenegg. In diesem Haus wurde er groß. Hier wuchs er mit seinen fünf Geschwistern auf. Anton war ein sehr neugieriges Kind. „Mich interessierte alles, vor allem aber das Geheimnisvolle. Ich habe alte Radios und Glühbirnen zerlegt, weil ich wissen wollte, woher die Musik und das Licht kommen.“ Außerdem malte der Bub gerne. „Am liebsten habe ich Menschen und Tiere gezeichnet.“

Für den Beruf des Vaters hingegen brachte er kein Interesse auf. „Ich musste im Stall mithelfen. Dort musste Ordnung herrschen, was ich nie verstanden habe. Aber meinem Däta galten die Kühe alles. Ich hingegen wollte kein Sklave der Kühe sein.“ Die Eltern erkannten, „dass aus mir kein Landwirt wird und ich nicht der Richtige bin, um den Hof zu übernehmen“. Am liebsten wäre Anton Elektriker geworden. Aber weil es im Dorf keinen Schneider mehr gab, wollten seine Eltern, dass er das Schneiderhandwerk lernt.  „Mir war alles recht, Hauptsache keine Kühe.“ In Lingenau absolvierte er die Lehre. „Es war nicht mein Traumberuf, aber besser als die Arbeit am Hof.“

Im Vordergrund seines künstlerischen Schaffens stand immer der Mensch.
Im Vordergrund seines künstlerischen Schaffens stand immer der Mensch.

Nach der Lehre begann er in einer Textilfirma in Dornbirn zu arbeiten. Durch eine Kollegin wurde er auf die Modeschule in Frankfurt aufmerksam. „Ich meldete mich an, weil ich nicht ein Leben lang in die Fabrik gehen wollte.“ Es gelang ihm, einen Platz an der Schule zu ergattern. „Jetzt konnte ich richtig kreativ sein und Modelle entwickeln.“ Danach machte er sich als Modedesigner selbstständig. „Ich habe für kleinere Firmen Kollektionen erstellt.“ Mit knapp 50 Jahren eröffnete er in Hittisau ein Modegeschäft. Es sicherte zehn Jahre lang – bis zu seiner Pensionierung – seine finanzielle Existenz.

In dieser Zeit entdeckte Anton die Schnitzkunst für sich. „Ich hatte einem Schnitzer eine Stunde lang über die Schulter geschaut. Das war für mich ein Blick in eine andere Welt. Es faszinierte mich, was man aus Holz machen kann.“ Asty, wie er von seinen Freunden liebevoll genannt wird, richtete sich in seinem Geschäft eine kleine kreative Ecke ein, um sich dem „Eigentlichen“ zu widmen: der Bildhauerei. „Wenn im Geschäft nichts los war, habe ich mich in die Schnitzecke verzogen.“

Die von Anton Sutterlüty geschaffenen Wesen sind kunstvoll eingekleidet.
Die von Anton Sutterlüty geschaffenen Wesen sind kunstvoll eingekleidet.

Die volle Entfaltung als Künstler kam nach der Pensionierung. „Jetzt konnte ich tun, was ich wollte und das war das Schnitzen.“ In der Tiroler Schnitzschule Elbigenalp lernte er die Schnitztechnik von Grund auf. Es war immer der Mensch, der im Vordergrund seines künstlerischen Schaffens stand. Denn: „Der Mensch fasziniert mich, weil er ein Rätsel und unergründlich ist.“ Asty formte und entwickelte seine menschlichen Figuren aus Holz, Stein und Moltofill und kleidete sie dann auch noch kunstvoll ein. „Dazu habe ich Reste von alten Kleidern verarbeitet.“

Die Vorlage für seine Typen wie beispielsweise eine Frau in Bregenzerwälder Tracht, ein Blumenmädchen, ein weiser Mann, ein Athlet oder eine alte Lady holte er sich im Alltag. Wenn er unterwegs war, hatte er immer einen Zeichenblock in der Tasche. Dem begnadeten Zeichner gelang es, Menschen mit wenigen „Strichen“ einzufangen. „Die Skizzen waren mir immer eine Hilfe. Zu Hause probierte ich dann, es auf Holz oder Stein umzusetzen.“

Der Künstler in seiner Werkstatt. Hier schnitzte und modellierte er und haute Figuren heraus.
Der Künstler in seiner Werkstatt. Hier schnitzte und modellierte er und haute Figuren heraus.

Der Blick des alten Künstlers bleibt an zwei seiner Skulpturen länger hängen: die eine Figur liegt am Boden, die andere stemmt sich vom Boden auf. „Einer liegt im Dreck, der andere kommt wieder hoch. Das ist mein Leben“, sagt er. Und: „Es gibt kein leichtes Leben. Für niemanden.“ Das größte Unglück war für Anton Sutterlüty, als er 1999 sein Gehör verlor. „Innerhalb eines halben Jahres wurde ich taub.“ Ein Jahr lang hörte er die Vögel nicht mehr singen. Als ihm ein Hörimplantat eingesetzt wurde und er die Geräusche der Welt wieder hörte, war das wie eine zweite Geburt für ihn. „Wenn ich morgens aufstehe, die Sonne aufgehen sehe und den Gesang der Vögel höre, denke ich mir: ,Gott, wie bist du schön.‘“

Der Bildhauer arbeitete besonders gern mit Holz.
Der Bildhauer arbeitete besonders gern mit Holz.

Dem Allerhöchsten bringt er Ehrfurcht entgegen, nicht nur wegen der Schönheit der Schöpfung. Der 86-Jährige ist dankbar, dass Gott ihm solche Talente mitgab und er seine Passion ausleben und viel Schönes erschaffen durfte. „Gott gibt mir auch die Kraft, um meine Krankheit zu ertragen.“ Seit 2008 leidet der Langenegger an Parkinson. Die Krankheit schreitet unerbittlich voran. Inzwischen ist Anton Sutterlüty so geschwächt, dass er seiner Kunst nicht mehr nachgehen kann. Früher gab er sich ganz der Kunst hin. Heute überlässt er sich voll und ganz Gott. „Dein Wille geschehe. Tue mit mir was du willst“, ist sein Credo.

Tag der Offenen Tür bei „Asty“ in Langenegg (Mühlhalden 40). Am 26. Oktober (von 10 bis 16 Uhr), kann man seine Skulpturen und Skizzen besichtigen und/oder kaufen.