Die Gemeinsame Schule hätte viele Fans, wäre da nicht …

Minister Polascheks Äußerungen haben die Anhänger der Modellregion Vorarlberg aus der Reserve gelockt.
Schwarzach Er wolle keine Systemdiskussion führen, es gäbe Wichtigeres zu tun und deshalb sei die Gemeinsame Schule kein Thema. Mit dieser Aussage hat sich Bildungsminister Martin Polaschek (56, ÖVP) in Vorarlberg nicht überall beliebt gemacht. Immerhin hat er es geschafft, eine eingeschlafene Diskussion wieder zum Leben zu erwecken.
Für den ehemaligen grünen Bildungssprecher im Nationalrat, Harald Walser (69), war die lange Zeit des Schweigens zu diesem Thema “unerträglich”. Walser hatte den Minister ursprünglich als dem Projekt zugänglich erlebt. Der Ex-Schuldirektor war 2017 bei den Verhandlungen über die Bildungsreform dabei. Damals wurde die Möglichkeit der Etablierung einer Modellregion Vorarlberg unter klaren Vorgaben (u. a. dass die Standorte entscheiden) ausverhandelt worden. Was Walser jetzt schon wundert. “Wo sind denn all die Föderalisten geblieben, die im Landtag die Empfehlungen des Forschungsprojekts angenommen und sich für die Errichtung einer Gemeinsamen Schule entschieden haben?”
“Wo sind denn all die Föderalisten geblieben, die sich nicht einfach den Bundesvorgaben unterwerfen wollen?“
Harald Walser, Ex-Grünen-Bildungssprecher
Kritik an der Politik
Nicht lange überlegen muss der Vorsitzende des Elternverbandes, Michael Tagger (58), bei der Nennung seiner Präferenz bezüglich Schulsystem. “Ich bin absolut für die Einführung der gemeinsamen Schule und vertrete diesbezüglich viele Eltern.” Tagger verweist auf die Gegenwart. “Gerade jetzt müssen wir wieder erleben, wie Volksschullehrerinnen und Volksschullehrer unter Druck gesetzt werden, damit sie Schüler gymnasiumstauglich benoten. Es ist jedes Jahr dasselbe. Damit sollte doch irgendwann einmal Schluss sein.” Tagger plädiert für ein System, in dem Kinder von sechs bis 14 zusammen bleiben. “Das ermöglicht eine sinnvolle Lehrplangestaltung. Überhaupt sollte sich die Politik aus der Schule und deren Gestaltung möglichst heraushalten. Bei uns glaubt jeder Bildungsminister, alles wieder ändern zu müssen.” Tagger würde sich von den Vorarlberger Politikern für die Umsetzung einer Gemeinsamen Schule “mehr Rückgrat” wünschen.
Der Druck ist wieder da
Die Drucksituation für viele Kolleginnen und Kollegen kann Christof Jagg (58), Direktor der Volksschule Hohenems Schwefel, bestätigen. “Es ist jetzt wieder so weit. Die Lehrer werden natürlich von Eltern unter Druck gesetzt. Als Direktor kannst du deinem Team da nur den Rücken stärken. Aber angenehm ist es nicht.” Auch Jagg lässt keinen Zweifel daran, was er für das Beste hält: “Eine Gemeinsame Schule würde dieses Problem lösen.” Er berichtet von einer Schulleitertagung, auf der genau dieser Wunsch einmal mehr mit großer Mehrheit formuliert worden sei. “Man darf das Ganze nur einfach nicht verschleppen.”
“Es ist wieder so weit. Lehrer werden wegen der Noten unter Druck gesetzt. Bei einer gemeinsamen Schule gäbe es das nicht.”
Christof Jagg, Volksschuldirektor
Pro Gymnasium will Status quo
Christian Zoll (29), Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Vorarlberg, schließt sich der Forderung nach einer Gemeinsamen Schule an. “Für uns ist wichtig, dass es bei diesem Modell eine innere Differenzierung mit individueller Förderung gibt. Das gilt vor allem für die naturwissenschaftlichen Fächer. Die Schule muss auf die besonderen Bedürfnisse der Schüler eingehen können.” Dem Wunsch nach einer Gemeinsamen Schule schließt sich auch der ÖGB Vorarlberg an. “Es geht hier um die besten Bildungschancen”, sagt der ÖGB-Landesvorsitzende Reinhard Stemmer.
Naturgemäß gegen eine Gemeinsame Schule ist die Initiative “Pro Gymnasium”. Deren Sprecher Wolfgang Türtscher (66) macht unmissverständlich klar: “Die Bundesvorgaben haben bei diesem Thema Priorität gegenüber einem Landtagsbeschluss, der noch dazu nicht so eindeutig zu interpretieren ist, wie es vielleicht scheint.” Für Türtscher ist des Ministers Position in dieser Frage klar und begrüßenswert.