Pandemie als Verstärker von Suchtverhalten

Vorarlberg / 19.05.2022 • 17:30 Uhr
Pandemie als Verstärker von Suchtverhalten
Insbesondere bei jungen Menschen haben Verhaltenssüchte im vergangenen Jahr zugenommen, erklärt Primar Philipp Kloimstein. VN/STeurer

Zunahme von Verhaltenssüchten und Cannabiskonsum: Das Konsumverhalten hat sich durch die Coronakrise verändert, wie aus dem Jahresbericht der Stiftung Maria Ebene hervorgeht.

Götzis Das vergangene Jahr stand bei der Stiftung Maria Ebene nach wie vor im Zeichen der Coronapandemie. Corona hat viele Facetten gezeigt, betont Primar Philipp Kloimstein bei der Präsentation des Jahresberichts 2021. „Gerade Bevölkerungsgruppen, die durch die Lockdowns zum Nichtstun verdammt waren, sind vermehrt in die Sucht abgeglitten. Wenn die Tagesstruktur fehlt, entstehen dysfunktionale Verhaltensweisen“, erklärt Kloimstein.  

Pandemie als Verstärker von Suchtverhalten
Die Verantwortlichen der Stiftung Maria Ebene präsentierten am Donnerstag den Jahresbericht 2021. Stiftung Maria Ebene/Lisa Mathis

Nicht nur für die Klientinnen und Klienten waren die Maßnahmen eine Herausforderung, sondern ebenso für die Mitarbeitenden. Die Pandemie habe aber auch neue Möglichkeiten in der Suchttherapie aufgezeigt, etwa die vermehrte Arbeit in Kleingruppen. Vor diesem Hintergrund bildet „Sucht neu denken“ das Schwerpunktthema der Stiftung Maria Ebene in diesem Jahr.

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Höchststand bei Beratungen

Die Clean-Beratungsstelle ist oft der erste Ort, an dem Betroffene über ihre Ängste, Wut und Hoffnungen sprechen können. 2021 haben die Stellen in Bregenz, Feldkirch und Bludenz mit 35.000 Beratungen einen Höchststand seit der Gründung 1992 verzeichnet. „Wir merken, dass ein vermehrter Bedarf vorhanden ist. Die Themenlagen der Klienten werden außerdem komplexer“, sagt Wolfgang Grabher, Leiter der Clean-Beratungsstelle. Beim Konsumverhalten hätten sich die Trends der Vorjahre fortgesetzt.

Insbesondere der multiple Substanzkonsum, das heißt das gleichzeitige Einnehmen von zwei oder mehr Substanzen, habe zugenommen. „Es zeigt sich außerdem ein starker Anstieg von Cannabis-Diagnosen. Insgesamt sind 49 Personen mehr als 2020 wegen wegen Cannabiskonsum in die Beratung gekommen“, so Grabher. Auffällig sei im Vorjahr ebenso die Zunahme von Verhaltenssüchten, insbesondere bei jungen Menschen, gewesen.

Pandemie als Verstärker von Suchtverhalten
Wolfgang Grabher, Philipp Kloimstein, Anja Burtscher, Andreas Prenn und Guenter Amann (v.l.) bei der Präsentation des Jahresberichts 2021. Stiftung Maria Ebene/Lisa Mathis

Prävention am Arbeitsplatz

Weil psychische Belastung und Sucht nicht nur im privaten Umfeld, sondern ebenso am Arbeitsplatz stattfinden kann, wurde im vergangenen Jahr das Projekt „Papageno – Psychische Erste Hilfe‘ ins Leben gerufen.

Ziel der Initiative ist es, Personalverantwortliche in heimischen Unternehmen bei der betrieblichen Gesundheitsförderung zu unterstützen und den Mitarbeitenden ein Angebot im Bereich der Sucht- und Suizidprävention zu bieten. „Das Projekt wurde gezielt als Reaktion auf die vermehrten psychischen Belastungen in Folge der Coronakrise initiiert“, erklärt Andreas Prenn, der Leiter der SUPRO.

Langfristige Folgen der Krise

Die Erfahrungen aus vergangenen Krisen zeigen, dass die psychischen Belastungen insbesondere mittel- und langfristig in einer Zunahme von problematischen Konsummustern und Verhaltensweisen resultieren, betont Primar Kloimstein: „Wir rechnen daher mit einem gesteigerten Bedarf an Unterstützungsleistungen.“