Wandel zu einer lebenswerteren Zukunft

Zukunftsforscherin Christiane Varga im VN-Interview über Trends, Gegentrends und Optimismus in unsicheren Zeiten.
Schwarzach, Wien Als Trend- und Zukunftsforscherin beschäftigt sich Christiane Varga mit der Frage, warum Menschen leben, wie sie leben. Im VN-Interview spricht die Soziologin außerdem darüber, warum große Trends immer auch einen Gegentrend heraufbeschwören, und warum bei jüngeren Menschen das Handwerk ein kleines Revival feiert.
Was machen Sie als Zukunfts- und Trendforscherin überhaupt?
Varga Es gibt unterschiedliche Schwerpunkte für Menschen, die in diesem Bereich arbeiten. Als Soziologin schaue ich mir besonders gesellschaftliche Entwicklungen an, und wie sich die Gesellschaft verändert. Wie war sie früher, wie ist sie heute und in welche Richtung entwickelt sie sich? Mein Fokus liegt darauf, wie Menschen wohnen, wie sie arbeiten und welchen Einfluss zum Beispiel die Digitalisierung hat. Dabei können einzelne Personen betrachtet werden, aber auch aus einer Makroperspektive Städte oder Länder genauer untersucht werden. Warum verhält sich der Mensch, wie er sich verhält? Was geht da im Gehirn vor und welche Muster sind zu erkennen?

Welche Trends und Muster sind derzeit zu beobachten?
Varga Manche Aspekte sind konkret prognostizierbar, etwa die Alterung der Gesellschaft. Menschen werden immer älter, das zeigen statistische Hochrechnungen. Damit hängt der sogenannte Megatrend Gesundheit zusammen. Wir werden älter und bleiben gleichzeitig länger jung, was damit zu tun hat, dass sich die Forschung verbessert hat. Gleichzeitig hat Gesundheit bei den Menschen im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten einen neuen Stellenwert erhalten, sie durchdringt beinahe alle Bereiche unseres Alltags. Wir sehen aber auch in vielen anderen Bereichen, dass sich die Denkweisen verändern.
Inwieweit haben sich die Denkweisen verändert?
Varga Zum Beispiel haben sich der Höher-schneller-weiter-Gedanke und auch das vorwiegend materialistische Denken inzwischen überholt. Wir haben gemerkt, dass uns das nicht guttut. Es gab einen Wandel im Denken. Wir stellen uns die Frage, welche Alternativen es für eine lebenswertere Zukunft gibt. Wir überlegen, was wirklich wesentlich ist im Leben. Da geht es vor allem auch um den Faktor Zeit. Macht es mich zum Beispiel wirklich glücklich, 40 Stunden in der Woche zu arbeiten? Gerade jüngere Menschen erkennen, dass es eine bessere Kombination geben muss, um zum Beispiel mehr Zeit für die Familie zu haben. Jeder Trend hat außerdem einen Gegentrend. Das ist derzeit im Bereich Digitalisierung zu sehen, wo sich viele Menschen überfordert fühlen. Die Pandemiejahre haben gezeigt, dass nur online zu sein nicht glücklich machen kann. Insbesondere jüngere Menschen zieht es wieder mehr in die analoge Wirklichkeit, so etwa auch zum Handwerk, sie wollen wieder mehr mit den Händen schaffen.
Nach zwei Jahren Coronakrise herrscht nun Krieg in Europa. Wie schafft man es, nicht negativ in die Zukunft zu blicken?
Varga Die derzeitige Lage kann überfordern. Ich denke, es ist wichtig, dass man die Situation anerkennt. Die Bilder vom grausamen Krieg sorgen für massive Unsicherheit, auch im Hinblick auf die Zukunft. In dieser Situation kann es guttun, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich in die Gegenwart einzubringen, um nicht in eine Schockstarre zu verfallen. Die Zukunft kann nicht kontrolliert werden, deswegen sollte man sich verstärkt auf die Gegenwart fokussieren. Zum Beispiel können das Umfeld, Familie und Freunde Halt geben.
Zur Person
Christiane Varga ist Trend- und Zukunftsforscherin. Von 2012 bis 2017 war die 36-Jährige im Think Tank des Wiener Zukunftsinstituts tätig und arbeitet heute freiberuflich als Referentin und Autorin. Die Germanistin und Soziologin war Chefredakteurin des Grazer Kulturmagazins Living Culture und Journalistin im Bereich Wohnen und Interior Design.