Vereinfacher der Dinge
Der Krieg ist der Vereinfacher der Dinge. Er taucht die Welt in Gut und Böse. Je klarer die Trennlinie, desto stärker das Gefühl. Der Krieg duldet keinen Graubereich. Er bedient sich gut eingenordeter Charaktere. So gilt der Russe vielen als Synonym für das Böse schlechthin – Putin, seine Entourage, die Menschen, die seinen Größenwahn gutheißen und jene, die aus Angst schweigen. Sie bilden ein Feindbild. Das Russische an sich, gewissermaßen.
So kommt es, dass die Philharmonie im britischen Cardiff Tschaikowski aus dem Programm streicht und eine Mailänder Uni mit einer Vorlesung über Dostojewski hadert. Immerhin waren die Reaktionen dort so laut, dass die Universität Milano-Bicocca sich eines Besseren besann und die Vorlesung zuließ. Vielleicht auch deshalb, weil Dostojewski ab 1850 selber vier Jahre lang in einem sibirischen Straflager saß? In seinem autobiografischen Roman „Aufzeichnungen aus einem toten Haus“ erzählt er davon.
Aber der Krieg liest nicht. Er schürt den Hass. Überschüttet uns mit Bildern von entsetzlichem Leid. Er lässt die Frauen und Männer, die ihre Heimat verteidigen oder Flüchtende beherbergen, über sich selbst hinauswachsen. Nur eines tut der Krieg nicht: Er stellt nie die Frage nach dem Danach. Er will ja das Heute ermorden, damit es kein Morgen mehr gibt. Dabei wird rasch vergessen, dass Deutsch die Sprache Goethes und Hitlers gleichermaßen war, so wie Russisch eben die eines Tolstoi, aber auch eines Stalin oder Putin. Die Kultur wird uns eines Tages helfen müssen, wieder Brücken zu bauen, dann, wenn das Morden endlich aufgehört hat.
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