Corona als Verstärker

Psychotherapeutin Tanja Könsgen bekommt dreimal mehr Anfragen.
Schruns Seit Corona haben sich die Anfragen besorgter Eltern und Jugendlicher verdreifacht, erzählt Psychotherapeutin Tanja Könsgen. Erwachsene haben vermehrt mit Depressionen, Angststörungen, Panikattacken, Beziehungsprobleme und Gewalt in Familien zu kämpfen. Bei den Jugendlichen sind häufiger Schulverweigerung oder sogar Selbstverletzung ein Problem. Tanja Könsgen vermutet, dass oftmals Corona nur ein Verstärker von Problemen ist. Viele ihrer Klienten hatten schon davor mit verschiedenen Ängsten zu kämpfen. Hat ein Mensch depressive Verstimmungen bereits vorher gehabt, wird er jetzt während Corona noch mehr daheim bleiben.
Doch nicht alle leiden gleich, denn es gebe Familien, die mit der Coronasituation gut umgehen können, und Familien, bei denen es nicht so gut läuft. „Familien kommen eher, wenn sie davor schon soziale Probleme hatten“, weiß Tanja Könsgen aus Erfahrung. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund seien vom Schulausfall stark betroffen, da diese kaum Deutsch sprechen und somit auf den Nachmittagsunterricht oder Nachhilfe angewiesen sind. „Das macht mir Sorgen, denn diese Kinder bleiben auf der Strecke“, befürchtet die Psychotherapeutin Bildungsdefizite.
Menschen sind resilient, also anpassungsfähig. Doch es gibt auch Menschen, die sich nicht anpassen können. Ein resilientes Kind werde die Erfahrungen, die es in der Pandemie gemacht hat, mit der Zeit ausgleichen können, doch so sind nicht alle Kinder. Wenn die Ressourcen, die eigentlich für Stabilität innerhalb der Familie sorgen sollen, auf einmal wegfallen, seien die Kinder stark gefährdet und können Störungen entwickeln.
Unsicherheit gestiegen
Da auch das Vereinsleben in den letzten Monaten mehr oder weniger auf der Strecke blieb, wurden die Kinder, die sowieso schon einsam waren, noch einsamer. Manche Kinder waren auch froh, dass die Schule geschlossen hatte, da sie einfach nicht gern zur Schule gehen, aus Angst oder Unsicherheit. Durch Corona sei die Unsicherheit aber allgemein bei den Kindern und Jugendlichen gestiegen. Man kann nicht mehr in die Welt hinausgehen und sich dabei selbst entdecken. „Das Entwicklungsfeld zwischen Sicherheit und Welterkundung wird bei den Kindern ganz eng“, weiß Könsgen. „Es gibt kaum noch Austausch unter den Kindern und Jugendlichen.“
Keine Freiheit mehr
Vor allem die Jugendlichen kommen viel zu kurz: Sie können momentan nicht mehr abends weggehen, sich nicht mit Freunden ausprobieren, keine Freiheit mehr schnuppern. Gerade die Jugendphase sei wichtig für die Identitätsentwicklung, doch dieser Entwicklungsfaktor werde den Jugendlichen gerade genommen. Erwachsene hätten viel mehr Ressourcen, um mit einer solchen Situation umzugehen.
Kapazitäten sind ausgeschöpft
„Da kommt noch viel Arbeit auf uns zu“, befürchtet die Psychotherapeutin Folgeerscheinungen und Nachholbedarf. Die mentale Gesundheit sei in Gefahr. Es würden so viele Menschen bei ihr anrufen, aber sie kann keine mehr aufnehmen. „Es tut mir so leid, wenn ich sie abweisen muss. Corona hat mir beigebracht, Nein zu sagen. Ich kann nicht unendlich arbeiten.“ Tanja Könsgen ist sich sicher, dass es nie mehr so sein wird wie vor Corona: „Ein ‚Davor‘ wird es nicht mehr geben, aber es wird etwas Neues geben.“ VN-JUN