Sie schnappten den „Wolf of Sofia“: Anlagebetrug in dreistelliger Millionenhöhe aufgeklärt

Staatsanwalt Dr. Manfred Bolter erhielt für die Klärung eines spektakulären Fall von Cyber-Trading-Betrugs gemeinsam mit Ermittlungsteam die Auszeichnung „Kriminalist des Jahres“.
Feldkirch 3000 Opfer allein in Österreich, der Schaden beläuft sich weltweit auf 100 Millionen Euro pro Jahr. Dank eines Ermittlerteams aus dem Bundeskriminalamt und dem LKA Niederösterreich konnten die Drahtzieher eines großen internationalen Geldanlagebetrugs der jüngeren Geschichte hinter Gitter bzw. vor Gericht gebracht werden. Federführend mit dabei ein Vorarlberger: Die Staatsanwaltschaft Feldkirch mit Manfred Bolter war mit der Leitung des spektakulären Falls von „Cyber-Trading-Fraud“ betraut.
Kürzlich wurde das Ermittlungsteam dafür von der „Vereinigung österreichischer Kriminalisten“ mit dem Award Kriminalist des Jahres 2021 ausgezeichnet.
„Gigantisch komplexes Verfahren“
„Es war ein gigantisch komplexes Verfahren“, erinnert sich Bolter. Die Ermittlungen zu dem Fall begannen bereits 2017 und führten 2020 zum Erfolg. Die Kriminalisten durchsiebten und analysierten ein Datenmeer, um die Täter zu fassen. Diese hatten online auf professionell aufgezogenen Broker-Webseiten für angeblich sichere Geldanlagen in Form von binären Optionen und Kryptowährungen geworben. Die Kunden sollten in Scheinfirmen investieren. Hatten die Callcenter-Mitarbeiter ein Opfer an der Angel, versuchten sie dieses zu höheren Einsätzen zu überreden. Sie täuschten steigende Kurse mit einer manipulierten Software vor. Eine Möglichkeit auf eine Auszahlung bekamen die Opfer allerdings nie. Tausende Österreicher, darunter auch einige Vorarlberger, wurden auf diese Weise von der internationalen Bande um ihr Geld gebracht.

„Alle Betrugsfälle in Österreich wurden in das Sammelverfahren in Feldkirch einbezogen. Polizeiintern wurde das LKA Niederösterreich mit dem Fall von internationaler Dimension betraut“, erklärt der Feldkircher Staatsanwalt.
Die Ermittlungen mussten über alle Grenzen hinweg ausgedehnt werden, um das kriminelle Netzwerk in seiner Gesamtheit zu erfassen. „Es wurden Offshore-Firmen auf der ganzen Welt durchleuchtet, weltweit Telefonüberwachungen, Bankerhebungen und Observationen durchgeführt.“
„Wolf of Sofia“
Um schlagkräftiger agieren zu können, wurde mit der zuständigen deutschen Staatsanwaltschaft ein gemeinsames Ermittlungsteam gegründet. Die Koordinierung übernahm die europäische Justizbehörde Eurojust. Vorbesprechungen fanden in Den Haag, Saarbrücken, Wiesbaden, Wien und Sofia statt. Die Betrügerbande agierte über das Internet vom Ausland, insbesondere von Bulgarien aus.
An der Spitze stand ein Mann aus Israel, der von Medien „Wolf of Sofia“ genannt wird. Der Spitzname nimmt einerseits Bezug auf den Film „Wolf of Wall Street“ und andererseits darauf, dass die Täter Call-Center im bulgarischen Sofia betrieben haben.

Weil eine effiziente Strafverfolgung nicht zeitnah zu erwarten war, mussten sämtliche Rechtshandlungen in Bulgarien von Feldkirch aus angeordnet und auf dem Rechtshilfeweg umgesetzt werden.
Großrazzia in bulgarischem Hochhaus
„Ein Flugzeug voll mit Kriminalbeamten führte – ausgestattet mit Anordnungen der Staatsanwaltschaft Feldkirch – Hausdurchsuchungen in Bulgarien durch. Eine Großrazzia in einem Hochhaus-Bürokomplex führte dann zum Erfolg“, schildert der 61-Jährige. Durch den akribisch und monatelang vorbereiteten Zugriff konnte die Spitze der Täterschaft in Haft genommen werden.
Einer der Hauptbeschuldigten, ein deutscher Staatsbürger, wurde von der Cobra im Stubaital festgenommen. Er landete in der Justizanstalt Feldkirch und wurde später nach Deutschland ausgeliefert, wo er sich im Gefängnis das Leben nahm. „Das Verfahren musste im Frühling 2019, weil es die Kapazitäten der Staatsanwaltschaft Feldkirch sprengte, an die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) abgetreten werden“, erklärt Manfred Bolter. Aktuell wird der Fall nunmehr Ebene für Ebene durch drei Staatsanwälte der WKStA bearbeitet.
Mordfall „Leiche ohne Kopf“ und Testamentsaffäre
Manfred Bolter ermittelte in seiner 37-jährigen Justizkarriere bereits in vielen aufsehenerregenden Kriminalfällen. So war Bolter, der sich neben Suchtgift- und Auslieferungsverfahren in jüngster Zeit auf Kriegsverbrechen und Terrorismus spezialisiert hat, etwa im Mordfall Pobornikoff als Untersuchungsrichter tätig.
Der Fall der „Leiche ohne Kopf“ erregte Anfang der 1990er-Jahre großes öffentliches Interesse. Seit 1991 war die damals 71-jährige Helga Pobornikoff, Pressesprecherin der Bregenzer Festspiele, abgängig. 1992 wurde im Klostertal in einem Wäldchen an der Arlbergschnellstraße S16 die Leiche gefunden. Der Kopf und einige Extremitäten waren abgetrennt worden. Als Mörder konnte ihr Ehemann Dimiter Pobornikoff ausgeforscht werden. Der Kopf der Leiche ist bis heute verschwunden.


Ebenso spielte der nunmehr als „Kriminalist des Jahres“ ausgezeichnete Bolter in der 2009 erstmals bekannt gewordenen Testamentsaffäre eine entscheidende Rolle. Jahrelang haben Gerichtsmitarbeiter systematisch Testamente gefälscht. Er erzielte in dem Justiz-Skandal bei den insgesamt zehn Angeklagten zehn Schuldsprüche.



Zur Person
Dr. Manfred Bolter
Geboren 12. Jänner 1960
Ausbildung Jusstudium in Innsbruck 1978 bis 1982
Berufliche Laufbahn von 1988 bis 2007 Untersuchungsrichter und in der Rechtsmittelinstanz des Landesgerichtes Feldkirch in Strafsachen als Berichterstatter und Vorsitzender tätig. Seit 2008 Erster Staatsanwalt (d.h. Stellvertreter des Leitenden Staatsanwaltes) der Staatsanwaltschaft Feldkirch.