Vertrauen gegen Verunsicherung
Es sollte die stille Zeit sein. Stattdessen ist dies die Zeit der absoluten Ungewissheit. Sicher ist lediglich, dass bald Heiligabend ist. Alles andere Verhandlungs-, ja Weltanschauungssache. Viel Interpretationsspielraum zwischen Telegram und Zeit im Bild. Die einen sagen so, die anderen so. Sogar Fakten seien zwischenzeitlich verhandelbar, alternative Fakten also. Oder doch Mainstream, vielleicht Regierungslinie? Eine Gesellschaft der vermeintlich Verunsicherten! Nicht nur ein Grüppchen mit bemerkenswert abstrusen Ideen, angefüttert von Lug und Trug. Wir alle leben in dieser viel zu lange dauernden Pandemie notgedrungen in Unsicherheit.
Ob sich die Schulkinder nach den Weihnachtsferien wieder im Klassenraum sehen? Genauso ungewiss wie die Frage, ob das lang ersehnte Konzert im neuen Jahr stattfinden kann. Ob das Pfadi-Lager steigt. Ob das Feuerwehrfest, das Auslandsjahr, der Urlaub fix ist? So fix wie es halt möglich ist in dieser verhassten Pandemie: gar nicht. Sachen, deren Verschiebung bis vor zwei Jahren noch denkunmöglich war, müssen nun superflexibel gehandhabt werden. Unserer Psyche, unserem Wohlbefinden tut diese Nix-is-fix-Zeit nicht gut. Das wenigstens ist sicher.
Um nicht völlig entwurzelt zu werden, müssen wir die Sicherheiten in unserem Leben – und die Sicherheiten, die wir an die nächste Generation weitergeben können – anders definieren. Es ist nicht wichtig, ob was wann konkret möglich sein wird. Ob ein weiterer Lockdown ertragen werden muss, ob noch eine Welle mit dem nächsten oder übernächsten griechischen Buchstaben kommt.
Entscheidend ist, ob wir wieder beginnen, aufeinander zu vertrauen. Dass wir darauf vertrauen, dass wir – egal, was auf uns zukommen möge – es gemeinsam schaffen. Dies inkludiert Vertrauen in die Erkenntnisse der Wissenschaft, in Wertschätzung des gemeinsam Erreichten. In einen den Werten der Aufklärung verpflichteten Journalismus. In demokratische Wahlen. In Paranoia und Einsamkeit lässt sich kein Staat machen.
Apropos Politik: dass das türkise Kartenhaus just in jenem Moment kollabierte, als dieses Land nichts mehr als integre Volksvertreter und Vertrauen gebraucht hätte, hat für maximale Enttäuschung und zusätzliche Schieflage gesorgt. Die unappetitlichen Chat-Nachrichten führen nicht nur vor, wie sicher sich die handelnden Personen gefühlt haben müssen, sondern auch, wie hemmungslos man sich bedient hat. Unser Vertrauen ausgenutzt. Gerade jetzt!
Es ist nicht die erste und nicht die letzte Phase der allgemeinen Verunsicherung. Es werden noch weitere Figuren auftauchen und versuchen, die Unsicherheit für ihren Zweck auszunutzen. Die Lösung aber ist nicht, nicht mehr zu vertrauen. Wir müssen diejenigen, die unser Vertrauen missbrauchen, schnellstmöglich erkennen. Transparenz hilft dabei.
Es liegt an uns, uns nun gegenseitig Sicherheit zu geben. Den Hass hinter uns zu lassen. Den Versuch zuzulassen, wieder positive Erfahrungen miteinander zu machen. Und zu versuchen, gemeinsam diese Pandemie zu beenden. Das ist nur miteinander möglich. Aus gemeinsamen positiven Erfahrungen wird künftiges Vertrauen geboren.
Heute Abend können wir damit beginnen.
Frohe Weihnachten!
Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.
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