Historiker Meinrad Pichler über die Kinderlähmung 1958

Öffentlicher Umgang mit einer Epidemie in Vorarlberg.
Mehrere Autorinnen und Autoren haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit der Geschichte des Impfens und den damit verbundenen Auseinandersetzungen und Emotionen beschäftigt. Dabei wird deutlich, dass die Impfkritik so alt ist wie das Impfen; dass das problematische Verhältnis von persönlicher Autonomie und Gemeinwohlinteressen stets die Diskussionen prägte und dass der Staat seine gesundheitspolitische Rolle immer wieder neu definieren musste. In Österreich wurde dabei stets weniger auf direkten Zwang als auf sanften Druck gesetzt. Typisches Beispiel in diesem Zusammenhang ist der 1974 eingeführte Mutter-Kind-Pass, der die Höhe des Fördergeldes an die Akzeptanz medizinischer Maßnahmen koppelt.

Jüngst hat die Innsbrucker Professorin Elisabeth Dietrich-Daum am Beispiel der Kinderlähmungsepidemie in Vorarlberg im Jahr 1958 die Haltung der Landesregierung, die Rolle der Presse und das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern in einer Studie analysiert.

Ein Blick auf den damaligen Umgang mit der Poliomyelitisepidemie und die öffentliche Auseinandersetzung dazu zeigt tiefgreifende Unterschiede aber auch Parallelen zum aktuellen Diskurs. Seit dem 19. Jahrhundert führte die im Fachjargon als Poliomyelitis, kurz Polio und im deutschsprachigen Raum als Kinderlähmung bezeichnete Krankheit bisweilen zum Tod oder zu bleibenden Lähmungen. In der Mehrheit der Erkrankungsfälle blieb die Infektion aber glücklicherweise nahezu symptomlos.
Polioimpfstoff zugänglich
Erst zu Beginn der 1950er-Jahre entdeckte der Amerikaner Jonas Salk ein wirksames Serum dagegen. Die Akzeptanz dieser Impfung ließ aber zu wünschen übrig. Dies nicht nur, weil kurz darauf der Virologe Albert Sabin die Schluckimpfung gegen Polio erfand, sondern auch, weil sich die beiden über die Wirksamkeit ihrer Produkte öffentlich stritten und Impffehler passierten, die auch Ärzte verunsicherten. In Österreich setzte sich seit 1959 die Schluckimpfung durch. 1961 war durch den großflächigen Einsatz dieser Impfart bei der Schuljugend die Epidemie gebannt.

Vorarlberg wurde in den Jahren 1947, 1949, 1953 und 1955 von der Epidemie heimgesucht. Etliche Ärzte bemühten sich danach erstmals um das amerikanische Präparat und machten ab etwa 1956 erste Erfahrungen damit. 1958 brach in Vorarlberg die bisher schwerste Welle der Kinderlähmung mit mindestens 36 Toten aus. Das waren mehr als in jedem anderen Bundesland. Kinder bis zum dritten Lebensjahr stellten die größte Patientengruppe. Da erhoben sich verantwortungsvolle Stimmen, die eine öffentliche Anschaffung des Impfstoffes forderten, um möglichst viele Kinder und Jugendliche impfen zu können. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern aber weigerte sich die Vorarlberger Landesregierung mit heute unvorstellbaren Argumenten, das Vakzin aus dem Landeshaushalt zu finanzieren.
Dem waren anhaltende Diskussionen zwischen dem Sozialministerium und den Ländern vorausgegangen. Der Bund sah sich nur für die Prüfung angebotener Impfstoffe verantwortlich, für die Organisation, Durchführung und Finanzierung der öffentlichen Impfungen sollten die Länder zuständig sein. Diese Vorgabe passte dem sparsamen Föderalisten Ulrich Ilg so gar nicht. Das Budget für das Jahr 1958 sei festgelegt und könne nicht überschritten werden, lautete seine Argumentation, bis ihn im Herbst neue besorgniserregende Krankheitszahlen und der öffentliche Druck zum Einlenken zwangen. Zudem hatten etliche Gemeinden angekündigt, das Geld für Impfungen vorstrecken zu wollen.
VN engagieren sich mächtig
Dem öffentlichen Druck gaben ab dem Sommer 1958 die Vorarlberger Nachrichten Platz und Sprache. „In ihrer Rolle als das dominierende Printmedium des Bundeslandes“, so Prof. Dietrich-Daum, „scheinen die VN sich schon bald als Plattform oder Sprachrohr für die von der Landesregierung nicht wahrgenommenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere die Eltern von Betroffenen, verstanden zu haben.“ Etwa 80 Beiträge – Berichte, Meldungen, Kommentare und Leserbriefe – befassten sich mit der Epidemie und forderten mehrheitlich ein Eingreifen der Landesregierung. Dass sich die VN dermaßen engagierten, war der Dramatik der Krankheit, der Stimmung in der Bevölkerung und der unverständlichen Abwehrhaltung des Landes geschuldet. Zudem könnten zwei persönlichere Treiber das auffällige Engagement gefördert haben. Zum einen war Dr. Leopold Bischof, Gemeindearzt von Götzis und Hausarzt des Redakteurs Dr. Franz Ortner, einer der Vorkämpfer für die Polioimpfung. Sein fachlicher Einfluss kann kaum überschätzt werden. Zum anderen hatte es in der unmittelbaren Verwandtschaft der Herausgeberfamilie Russ einige Jahre zuvor einen dramatischen Verlauf einer Polioerkrankung bei einem Kleinkind gegeben. Und nun, da es einen wirksamen Impfstoff gab, durfte das Geld zur Verhinderung von Todesfällen keine Rolle spielen. „Wir sind gewohnt“, hieß es in einem VN-Bericht vom 22. August 1958, „die schärfsten Sperrmaßnahmen hinnehmen zu müssen, wenn für unser wertvolles Vieh etwa die Maul- und Klauenseuche droht. Um wieviel mehr muß uns der Schutz vor Infektionskrankheiten der Jugend am Herzen liegen.“ Damit war der zweite Kernpunkt des divergierenden Verständnisses zwischen dem Landeshauptmann und der Zeitung angesprochen. Während dieser noch im Oktober, bei inzwischen 20 Todesfällen, meinte, die „Gesunderhaltung“ sei eine Angelegenheit, um die sich der Einzelne und die Familien selber zu kümmern haben, vertraten die VN die Position, dass es Aufgabe der „medizinischen Behörde“ sei, die Bevölkerung vor Infektionskrankheiten zu schützen. Ein erzürnter Leserbriefschreiber brachte die widersprüchliche Haltung der Landesregierung auf den Punkt: Es entspreche wohl kaum der Ansicht der Bevölkerung, dass „die Volksgesundheit dem Zufall und die Gesundheit im Stall dem Land anheimgestellt sein soll.“ (7.10.1958)

Auch betroffene Eltern, die in „Briefen an die Redaktion“ finanzielle Unterstützung für Rehamaßnahmen, die in Bad Diezlings angeboten wurden, forderten, stießen im Landhaus auf taube Ohren.
Die Wende der Politik
Als Mitte Oktober 1958 die Infektionszahlen immer noch stiegen und die Landeshauptstadt Bregenz deshalb ankündigte, die anfallenden Impfkosten vorzuschießen, lenkte das Land schließlich ein und bestellte 30 Liter des amerikanischen Serums. Mit einem Selbstbehalt von zehn Schilling pro Impfung konnten sich nun alle Minderjährigen impfen lassen. Als mit Jahresende 1958 bekannt wurde, dass das Land das Budgetjahr 1957 mit einem Überschuss von drei Millionen Schilling abgeschlossen hatte, rang man sich im Land durch, kinderreichen und bedürftigen Familien den Selbstbehalt zu erlassen.
Der hilflose und widerwillige Umgang der Landesregierung mit der Epidemie 1958 und andere Mängel im öffentlichen Gesundheitswesen veranlassten Dr. Leopold Bischof und den Landesbeamten Dr. Hermann Girardi zur Gründung des Arbeitskreises für Vorsorge und Sozialmedizin (aks). Die Polioepidemie hatte sich als einschneidende gesundheitspolitische Lektion erwiesen. Von nun an zählte auch die Vorarlberger Landesregierung den Erhalt der Volksgesundheit und die Epidemiebekämpfung zu ihren wesentlichen Aufgaben.