Wer sich überall Orte schafft, an denen er sich wohlfühlt

VN-Serie “gekommen und geblieben”. Andreas Paragioudakis (41) kam aus Griechenland.
BREGENZ Ein feinherber Duft zieht durch die Mansardenwohnung in Bregenz. Andreas Paragioudakis bereitet Kaffee zu. Auf griechische Art.
Er bittet seinen Besuch an den kleinen Tisch in der Küche, denn er muss das Kupferkännchen auf der Herdplatte im Auge behalten. Der Kaffee darf nicht kochen, sondern nur aufwallen. Griechischer Kaffee ist nicht das Einzige, das Andreas Paragioudakis mit seinem Herkunftsland verbindet. Vor allem ist es die Musik.
Studium am Mozarteum
Sein Leben beginnt am 14. April 1980 auf Kreta. Er wird in eine kleine, musikliebende Akademikerfamilie hineingeboren und wächst in Rethymno, einer Hafenstadt im Norden der Insel, mit einen eineinhalb Jahre älteren Bruder auf. Andreas absolviert das Musikgymnasium und wird gleich danach für eineinhalb Jahre zum Militärdienst eingezogen. Im Jahr 2000 zieht er nach Salzburg, um am Mozarteum zu studieren. Deutsch hat er noch in Rethymno angefangen zu lernen.
„Kreta ist definitiv der Ort, wo meine Wurzeln, meine Kultur und meine Heimat sind.“
Andreas Paragioudakis, Musik- und Bewegungspädagoge
Am Mozarteum legt er die Diplomprüfung für Klavierpädagogik ab, zwei Jahre später macht er den Masterabschluss in Elementarer Musik und Bewegungspädagogik. Dann steht die Frage im Raum: „Kehre ich zurück nach Griechenland oder bleibe ich hier?“ Seine Eltern raten ihm ab heimzukommen, denn Griechenland steckt gerade in einer schweren Wirtschaftskrise. Also bleibt er in Österreich. „Nach Vorarlberg zog ich 2005 aus beziehungstechnischen Gründen“, erklärt Paragioudakis. Seine damalige Partnerin ist Vorarlbergerin. Er bekommt auch gleich Arbeit. Die Musikschule Rankweil stellt ihn als Elementaren Musik- und Klavierpädagogen an. 2009 wechselt er an die Musikschule Dornbirn.

Dennoch ist das Ankommen in Vorarlberg für den Griechen kein einfacher Prozess gewesen. „Mühsam war anfangs die Konfrontation mit der katholischen Strenge in diesem Land und der Ghörigtuerei, die schon etwas Spießbürgerliches hat“, sagt er. „Allerdings kann ich mir überall Orte schaffen, an denen ich mich wohlfühle.“ Integration heißt ja nicht Unterwerfung, stellt er klar: „Integration bedeutet, sich selber treu bleiben und authentisch sein.“
Irgendwann spürt er den Drang, „aus eingefahrenen Strukturen auszubrechen und die Arbeit zu machen, die ich liebe, unabhängig von materieller Sicherheit”. Die Entscheidung, diesem Drang nachzugeben, fällt er 2020 im ersten Corona-Lockdown. Er löst das Arbeitsverhältnis mit der Musikschule Dornbirn auf und wird selbstständiger Musiker: „Seitdem bin ich frei und mache nur noch das, wozu ich Lust habe.“ So generiert er zurzeit drei Musikprojekte: Das erste, Salingari, ist ein Duett mit dem Saxophonisten Robert Bernhard, in dem Paragioudakis die kretische Lira und Laute spielt und singt. Im Tambourla Trio musizieren mit ihm der Drummer Martin Grabher und der Gitarrist Toni Eberle: „Wir bearbeiten Musik mit altem kretischen Material und eigenen Kompositionen.“ Das Stala Quartett, bestehend aus Herbert Walser-Breuss (Trompete), Florian King (Bass), Martin Grabher (Schlagzeug) und ihm selbst (Piano, Lira, Laute), hat sich dem Welt-Jazz verschrieben. „Übrigens, unsere CD-Präsentation ist am 3. März 2022 im Vorarlberg Museum“, lässt Paragioudakis wissen. „Und alle Infos gibt es auf www.andreas.paragaiousdakis.bandcamp.com.“
Die Kraft der Musik
Neben seiner reinen künstlerischen Tätigkeit hält der Musiker Workshops für experimentelles vokales Gestalten in St. Arbogast. Er nennt sie „Stimmsinn“. Zudem arbeitet er mit seiner jetzigen Partnerin, der Soziologin, Schriftstellerin und Malerin Lucie Schaeren, an dem neuen Projekt Unfolding Voices – eine Zusammenkunft von Stimmen von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. „Bei diesem Projekt geht es um die Hörbarkeit im Sinne der Demokratie und um die Mehrstimmigkeit unserer Gesellschaft“, informiert Paragioudakis und betont: „Musik hat die Kraft, Menschen zu befreien von Blockaden, Ängsten und Unsicherheit, die uns auseinanderhalten. Musik bringt Menschen in Resonanz.“
Abseits der Musik verbringt Andreas Paragioudakis so viel Zeit wie möglich mit seinen drei Kindern. Sein ältester Sohn ist 13, der jüngste fünf, die Tochter elf Jahre alt. Heimweh? „Nein. Aber Kreta ist und bleibt definitiv der Ort, wo meine Wurzeln, meine Kultur und meine Heimat sind.“