Plötzlich war das Türschloss ausgetauscht

Vorarlberg / 09.11.2021 • 19:00 Uhr
Plötzlich war das Türschloss ausgetauscht
Konrad Robausch (l.) und Christian Beiser vom Bereich “Existenz und Wohnen” berichten über den Druck auf dem Vorarlberger Wohnungsmarkt. Caritas

Beratungsstelle der Caritas verzeichnet wieder mehr Anfragen als noch vor einem Jahr.

Rankweil Von Tag zu Tag wird es enger. Sieben Tage sind noch übrig, bis der nächste Gehaltsscheck eintrudelt. Zehn Euro stehen Konrad Robausch für die letzte Woche zur Verfügung. Damit muss der 57-Jährige auskommen. Plötzlich steht der Rankweiler auch noch vor seiner verschlossenen Wohnungstür. Es zog ihm den Boden unter den Füßen weg, erzählt er. So ging es mit ihm weiter:

Er ist einer von vielen, die sich derzeit mit ihren Problemen an die Caritas wenden. Und es werden mehr. Nicht nur, aber auch wegen Corona. Mehr Suchterkrankungen, mehr Essstörungen, kompliziertere Fälle. Caritas-Direktor Walter Schmolly ortet ein soziales Burnout: Die Menschen sind am Anschlag, der Druck steigt.

Steigende Nachfrage

Die Suchtberatung verzeichnete heuer bis Ende September 813 Neuanfragen. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 560. “Das hängt sicher mit Corona zusammen. Mit der Sucht soll Druck abgebaut werden, vor allem unter Lockdown-Bedingungen in einer beengten Welt”, berichtet Schmolly. Besorgniserregend sei, dass die Beratungen bei Essstörungen stark gestiegen sind: von 74 auf 109. Das betreffe oft junge Menschen, vor allem Mädchen, die sehr leistungsorientiert sind. Bisher habe man das im Sport auslassen können, im Lockdown fiel das weg.

Die Beratungsstelle Existenz und Wohnen verzeichnet zwar nicht mehr Beratungsfälle als im Vorjahr, allerdings sind die anonymen Anfragen gestiegen. Bis Ende September registrierte die Caritas 502 anonyme Anfragen. Vor einem Jahr zum selben Zeitpunkt waren es 463, vor zwei Jahren 93. “Daran sieht man, da ist etwas im Busch”, erläutert Christian Beiser, Leiter der Stelle Existenz und Wohnen. “Das sind vor allem Leute, die sich einfach einmal erkundigen.” Walter Schmolly ergänzt: “Diese Zahl ist ein Indiz dafür, dass auch andere Gruppen Unterstützung benötigen.” Christian Beiser macht noch auf eine weitere Entwicklung aufmerksam. “Die Zahl der Fälle in den Beratungen hat zwar nicht zugenommen, die Dauer der Beratung hingegen schon. Und zwar um rund fünf Prozent, also 500 Stunden.” Schmolly ergänzt: “Die Fälle sind komplexer geworden.”

<span class="copyright">Caritas</span>
Caritas

Einer dieser komplexen Fälle ist jener von Konrad Robausch. Er bezeichnet sich als Freigeist, wollte die Kunstkademie Wien besuchen. Obwohl er in seiner Jugend viel gearbeitet habe, reichte das Geld nicht für ein Studium. Er arbeitete deshalb in einer Schule. “Mit Kindern konnte ich gut umgehen, aber mit den anderen Lehrern kam ich nicht klar”, erzählt der Rankweiler. Mittlerweile ist er bei Aqua Mühle im Bereich der Mikro-Verfilmung gelandet, wie er schildert.

Plötzlich ohne Wohnung

Privat lebte der 57-Jährige bis vor Kurzem in einem Zimmer eines ehemaligen Hotels. Rund 350 Euro Miete, sehr klein. Er blieb oft mehrere Tage bei seiner Freundin. Eines Tages kam er nach Hause und das Schloss war ausgewechselt. “Meine privaten Sachen waren entsorgt, ohne dass ich davor eine Kündigung bekommen habe”, sagt er und beteuert, er habe immer die Miete gezahlt. Man habe ihm vorgeworfen, dass er ein Messie sei. Aber es sei doch logisch, dass ein kleines Zimmer vollgeräumt ist. Plötzlich stand er ohne Wohnung da.”Da bist du wirklich am Boden.” Die Wohnung, in der er kurz unterkam, konnte er nicht übernehmen. “80 bis 100 Prozent meines Einkommens wären für die Miete draufgegangen. Ich muss ja auch irgendwas essen.”

Walter Schmolly sieht die Wohnkosten als eines der zentralen Probleme in Vorarlberg. Auch die neue Sozialhilfe führe zu vielen Problemen. Beiser befürchtet, dass sich die Situation noch verschlimmert. Nach der Bankenkrise 2008 sei die Obdachlosigkeit um 50 Prozent gestiegen. Der Höchstwert wurde im Jahr 2013 erreicht.

Bei Konrad Robausch hat sich die Lage ein wenig entspannt. Er hat eine neue leistbare Wohnung gefunden.