Nach Sportunfall monatelang im Koma

Vorarlberg / 03.11.2021 • 08:55 Uhr
Nach Sportunfall monatelang im Koma
Für Katharina und Peter Ostrowski ist die Zweisamkeit nicht mehr selbstverständlich. Ihre Liebe bewährte sich in der Not und wurde sogar noch größer.

Nach einem Sportunfall kümmerte sich Katharina Ostrowski rührend um ihren komatösen Mann. Peter kam nach einigen Monaten wieder ganz zu sich.

Vandans Die Weltreise, die Katharina Ostrowski (44) mit ihrem Mann Peter (54) und den zwei Töchtern Sonja (18) und Sarah (14) im Jahr 2015 unternahm, war nicht nur ein Abenteuer und ein Highlight. Sie war auch ein Lehrstück in Sachen Leben. Katharina dazu: „Durch die Reise habe ich Vertrauen ins Leben gewonnen. Egal, wie herausfordernd es ist, es gibt immer eine Lösung. Letztlich ist das Leben gut, weil selbst aus den schlimmsten Katastrophen gute Dinge entstehen können.“

Die Familie war mit dem Wohnmobil in Asien unterwegs. Pannen und kleinere Unfälle blieben nicht aus. In Indien etwa zog ein hilfsbereiter Lkw-Fahrer das Wohnmobil der Ostrowskis mithilfe seines Lasters aus dem Sumpf. Auf einer Bergstraße im Himalaya wiederum montierte ihnen ein freundlicher Truckfahrer einen aufgeschlitzten Reifen ab und brachte einen neuen an. „Alles ging gut aus.“

Der schwere Unfall des Vaters hat die Familie Ostrowski noch mehr zusammengeschweißt. Von links: Sonja und Sarah mit ihren Eltern Peter und Katharina.
Der schwere Unfall des Vaters hat die Familie Ostrowski noch mehr zusammengeschweißt. Von links: Sonja und Sarah mit ihren Eltern Peter und Katharina.

Katharina zeigte das, dass man sich dem Leben durchaus anvertrauen kann und man nur den Mut aufbringen muss, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Vier Jahre später, im September 2018, passierte etwas, das ihr Vertrauen ins Leben auf den Prüfstand stellte.

Ihr Mann Peter (54) stürzte mit dem Paragleiter bei der Sulzfluh ab. Er überlebte wie durch ein Wunder, erlitt aber ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und mehrere Brüche am Oberkörper. Die Prognose der Ärzte war niederschmetternd: „Wir wissen nicht, ob ihr Mann jemals wieder aus dem Koma erwacht. Er wird vermutlich ein schwerer Pflegefall bleiben.“ Als Katharina das hörte, war sie am Boden zerstört. In der folgenden Nacht setzte sie sich mit einer Decke auf die Terrasse und schaute in den Sternenhimmel. „Ich weinte und trauerte um das alte Leben. Mir war klar: ,Es wird nicht mehr so wie früher. Jetzt kommt etwas Neues.‘“ In dieser Nacht schwor sie sich aber auch: „Ich gebe nicht kampflos auf. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um Peter zu helfen und das Beste aus der Situation zu machen.“ Katharina versank nicht im Sumpf der Traurigkeit, sondern beschloss zu kämpfen: „um Peters Leben, um uns als Paar, um unsere Familie“.

Katharina und Peter sind unendlich dankbar, dass sie einander noch haben.
Katharina und Peter sind unendlich dankbar, dass sie einander noch haben.

Täglich saß sie mehrere Stunden an seinem Krankenbett. „Ich habe viel mit Peter geredet, ihm seine Lieblingsmusik und Sprachnachrichten von Freunden vorgespielt und ihn massiert.“ Als ihr Lebenspartner, der seit 1996 an ihrer Seite ist, Wochen nach dem Unfall wieder die Augen aufschlug, waren das für sie „enorm bewegende Momente“. Aber Peter war noch in seiner eigenen Welt. „Zuerst war sein Blick starr, später wanderte sein Blick herum.“ Es beglückte sie auch, als er anfing sich zu bewegen. Jede neue Regung von ihm bestärkte sie darin, weiterhin ihr Bestes zu geben und für seine Genesung zu kämpfen.

In der Hoffnung auf weitere Fortschritte ließ Katharina ihren Mann im November 2018 in eine Spezialklinik nach Deutschland bringen. „Ich mietete eine Ferienwohnung in der Nähe der Klinik. Meine Töchter, die mich in schwachen Momenten trösteten, kümmerten sich um den Haushalt bzw. ums Essen, während ich die Tage in der Klinik bei meinem Mann verbrachte.“ Es war eine intensive Zeit für Katharina. Oft war sie acht Stunden am Tag bei Peter. „Unter anderem las ich ihm aus meinem Weltreisetagebuch vor.“

“Liebe meine Frau jetzt noch mehr”

Dort, in Deutschland, kehrte ihr Gefährte in kleinen Schritten ins Leben zurück. „Es freute mich immens, als er begann, auf mich zu reagieren, mir zum Beispiel den Kopf zudrehte, wenn ich mit ihm redete. Das gab mir die Kraft, weiterzumachen.“ Wie ein neugeborenes Kind musste Peter wieder alles lernen: Schlucken, Essen, Lesen, Rechnen, Gehen . . . Als der Zahnarzt im Dezember 2018 erstmals wieder auf den eigenen Beinen stand, war das ein großer Tag für die Ostrowskis. Aber das schönste Gefühl bescherte er seiner Ehefrau einige Tage später. „Peter saß am Tisch. Er war am Stuhl angegurtet. Plötzlich sagte er: ,Ich will frei sein, mach mich frei.‘ Dieser Moment war für mich so schön wie die Geburt meiner Kinder.” Katharina wirft Peter einen innigen Blick zu. Dieser drückt jetzt fest die Hand seiner Liebsten. In seinen Augen sind Tränen, so gerührt ist er. Der Familienvater, der im Frühling 2019 wieder ganz zu sich kam, weiß inzwischen, wie aufopferungsvoll Katharina für seine Genesung kämpfte.  „Ich liebe meine Frau jetzt noch mehr.“ Katharina schmiegt ihren Kopf an seinen. Dann flüstert sie in sein Ohr: „Schön, dass es dich gibt und wir einander haben. Zu zweit ist das Leben schöner.“