Wo für den Klimaschutz am meisten getan werden muss

Die drei maßgeblichen Handlungsfelder für den Klimaschutz in Vorarlberg.
Schwarzach Ob Regen, Schnee, Kälte oder Hitze: Die Dornbirnerin Susi Außerer legt ihre Wege nur mit dem Fahrrad zurück. Weder sie noch ihr Mann besitzen ein Auto. Ihre drei Kinder finden im Lastenrad Platz. Es klappt, schildert die 32-Jährige. Und wenn sie doch einmal ein Auto braucht, leiht sie sich eines aus. Davon sollten sich andere eine Scheibe abschneiden, ist Ökonomin Sigrid Stagl von der WU Wien überzeugt. Sie sieht in drei Sektoren Handlungsbedarf.
Und zwar in der Mobilität, bei Gebäuden und in der Ernährung. Dort seien Klimaschutzmaßnahmen dringend nötig. Stagl war kürzlich auf Einladung der Grünen Akademie Freda in Vorarlberg.
Im Gebäudebereich gehe es darum, verdichtet zu bauen sowie Gebäudetechnik und Heizung anzugehen. Bei der Ernährung müsste klar werden, dass Fleisch und exotische Früchte nur noch die Ausnahme sein können, betont Sigrid Stagl. Was die Früchte betrifft, helfe ein internationaler Emissionspreis.
Auch Österreich wird einen CO2-Preis einführen. Der sei aber viel zu niedrig, ist die Expertin überzeugt. “Aus ökologisch-ökonomischer Sicht wären 100 bis 150 Euro ein durchaus vertretbarer Einstiegspreis gewesen.” Den Ökobonus sieht Stagl ebenfalls kritisch. “Der Konsum erhöht sich, womit Emissionen gesteigert werden”, begründet die Ökonomin. “Mir wäre lieber, das Geld wäre in Infrastruktur geflossen, die klimafreundliches Handeln erleichtert.” Zum Beispiel in Bus und Bahn.
Denn Handlungsfeld Nummer eins sei die Mobilität. “Bei den anderen Bereichen haben sich die Emissionen zumindest stabilisiert. Bei Transport und Mobilität sehen wir hingegen einen schädlichen Trend. Deshalb ist der Hebel besonders groß.” Man müsse mit Co-Benefits werben, also mit Maßnahmen, bei denen die Menschen anders profitieren. Zum Beispiel gesundheitlich. “Wenn Menschen merken, dass es ihnen besser geht, wenn sie zur Bushaltestelle laufen oder nur zweimal in der Woche Fleisch essen, kann man sie motivieren.” – Wie Susi Außerer.
Vor drei Jahren entschied sich die Familie, aufgrund der Kosten auf das Auto zu verzichten. Dann wurde Susi Außerer mit dem zweiten Kind schwanger. “Uns war klar: Wenn es nicht mehr geht, schaffen wir wieder ein Auto an.” Als das dritte Kind unterwegs war, kaufte sie ein Lastenrad. “Großeinkäufe sind schwierig, also mache ich halt mehrere kleinere.” Ansonsten sieht sie vor allem Vorteile. “Ich muss nicht tanken oder ans Vorführen denken. Im Verkehr komme ich leichter voran, Stoßzeiten sind mir egal. Und ich bin mehr an der frischen Luft und lebe gesünder.”
Im Winter sei es schwieriger, größere Ausflüge wie ein Familienskitag seien kompliziert. Dasselbe gilt für Carsharing. “Da müssten wir Kindersitze und Maxicosi ständig hin und her tragen.” Susi Außerer ist sich auch sicher: “Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir uns ein Auto zulegen müssen.” Aber: “Solange es ohne geht, probieren wir es so.”

Ernährung Bei der Ernährung gibt es laut Sigrid Stagl tolle Initiativen in Vorarlberg, zum Beispiel, was den regionalen Einkauf betrifft. Allerdings müsse Fleischkonsum etwas Besonderes werden. “Er ist extrem energieaufwendig.” Dasselbe gelte für Nahrungsmittel von weit her. Der internationale Transport sollte sich im Preis abbilden, damit Fleisch und exotische Früchte zur Ausnahme werden.

Gebäude Vorarlbergs Gebäudebestand sei solide, allerdings von Einzelhäusern geprägt, sagt Stagl. Das bedingt einen problematischen Energie- und Landverbrauch. Verdichtete Bauweise sei deshalb der Zug der Zeit. Was die Gebäudetechnik betrifft, sei Vorarlberg weltweit führend. “Auch bei Heizungen kann Österreich einiges bieten.” Deshalb sei der Ausstieg aus fossiler Energie rasch möglich.

Mobilität Susi Außerer und ihre Kinder Mathilda (5), Tiberius (3) und Gilbert (1) aus Dornbirn zeigen, wie es geht: Sie haben ein Lastenrad, aber kein Auto. Außerer fühlt sich gesünder und fitter dadurch, muss sich nicht um Stoßzeiten kümmern und braucht keine Autowerkstatt. Mit dieser Art Co-Benefits müssten Menschen zum Umstieg motiviert werden, ist Expertin Sigrid Stagl überzeugt. In der Mobilitätsfrage sieht sie den größten Hebel für den Klimaschutz.