Veränderungen beginnen bei einem selbst

Mit welchen Maßnahmen die Walsertaler die Pariser Klimaziele erreichen wollen.
St. Gerold 13 Haushalte aus dem Großen Walsertal beteiligen sich an einem einmaligen Projekt. Vier Wochen lang wollen die Familien nach den Klimazielen des Pariser Klimaabkommens leben. Dafür stehen ihnen verschiedene Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung, wie ein E-Auto, E-Bike und E-Roller, aber auch eine regionale Obstkiste, die nach Hause geliefert wird. Auch ÖPNV-Tickets wie eine Monats-, Fahrrad- und Hundekarte werden angeboten, ebenso ein Lasten- und Faltrad.
Ziel ist es nicht, perfekt alles umzusetzen, sondern auszutesten, welche Änderungen im Alltag machbar und welche nicht umsetzbar sind. Der Idealwert liegt bei 100 Punkten, der Durchschnitt der Walsertaler bei 178 Punkten – und das sei schon gut, besser als der bundesweite Durchschnitt, der bei 450 Punkten liegt. Doch man könne immer noch etwas verbessern. Für die Evaluierung wird die App „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ hergenommen, die von der Firma Kairos aus Bregenz extra für das Projekt „Paris – Großes Walsertal“ weiterentwickelt wurde.
Im Oktober haben die Familien Zeit, sich Ideen für ihr eigenes Tun zu holen. „Das ist ein spannendes Projekt, von dem jeder lernen wird“, ist Andreas Bertel, Energiemanager im Großen Walsertal, begeistert. Das Projekt wird von regionalen Anbietern unterstützt, die E-Autos, E-Mopeds oder E-Bikes zur Verfügung stellen. „Der Klimawandel ist da“, sagt Verena Engstler vom Energieinstitut. „Wir sind die erste Generation, die ihn spürt und die letzte Generation, die dagegen etwas tun kann.“ Das Ziel ist, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. „Je später man anfängt, desto heftiger muss man handeln“, bringt es Engstler auf den Punkt. Deshalb sollen jetzt die 13 Haushalte, die im ganzen Großen Walsertal verstreut sind, ihre CO2-Emmissionen reduzieren, vier Wochen lang klimaschonend leben.
Auf Zug und E-Bike umsteigen
Die Energieexperten haben sich vorab den Ist-Stand der Haushalte angeschaut und evaluiert, welche mögliche Hebel sie in Bewegung setzen könnten, um die 100 Punkte zu erreichen. So auch den Haushalt von David und Denise Wechselberger mit ihrer kleinen Tochter Lilly in St. Gerold: David kommt auf 317 Punkte, Denise auf 199. Auch sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Punkte so weit wie ihnen möglich zu senken. Unter anderem haben sie ein E-Auto und ein E-Bike zur Verfügung. Mit dem E-Bike will David Wechselberger hinunter zum Bahnhof Schlins-Beschling radeln, hier in den Zug nach Buchs umsteigen und von dort weiter mit dem Rad zu seiner Arbeitsstelle fahren. Bis jetzt ist er immer mit dem Auto gefahren, pro Strecke braucht er – wenn’s gut läuft – 50 Minuten, mit dem ÖPNV eineinhalb Stunden. Denise bräuchte – wenn sie nicht gerade in Karenz ist – mit dem ÖPNV zu ihrer Arbeitsstelle, die BVS Jupident in Schlins, genauso lang. Mit dem Auto sind es dagegen nur 20 Minuten. Beide wollen auf Fleisch fast gänzlich verzichten, denn gerade bei David ist der Fleischkonsum hoch. Milchprodukte gibt es momentan sowieso nicht im Hause der Wechselbergers, da Lilly tierische Milch nicht verträgt.
Upcyclen statt neu kaufen
Auch das Upcycling spielt bei Denise eine große Rolle. Den Winteranzug für die sechs Monate alte Tochter hat Denise aus einer alten Jacke von David genäht. Auch lässt sie Lilly fast ausschließlich mit gebrauchtem Spielzeug aus ihrer eigenen Kindheit spielen. Zudem benutzt das Paar Stoffwindeln und Denise stellt die Feuchtigkeitstücher selbst her. In den vier Wochen wollen sie keine Konsumgüter wie Elektrogeräte oder Kleidung kaufen, denn auch diese Punktzahl ist bei beiden etwas höher ausgefallen. „Wir wollen mit den Punkten so tief wie möglich kommen, ohne dafür großartig auf etwas verzichten zu müssen“, sagt Denise.
Versuchskaninchen
Gestern trafen sich die Familien für einen Zwischenbericht, am 1. Dezember findet die Abschlussveranstaltung statt, zu der auch sämtliche Politiker eingeladen werden. „Ihr seid die Versuchskaninchen im Walsertal“, sagt Martin Strehle von Kairos. Die CO2-Emissionen steigen immer noch, vor allem in der Mobilität – und die ließe sich gerade im Großen Walsertal kaum verbessern. Immerhin sind seit Kurzem die Mitfahrbänkle im Walsertal eine gute Alternative zum ÖPNV. „Es geht nicht um Verzicht, sondern um Mäßigung. Da wo wir nicht weiterkommen, müssen politische Forderungen gestellt werden. Wenn einmal der Kipppunkt erreicht ist, geht alles ganz schnell“, so Strehle. VN-JUN
