Schulpsychologin rät Eltern: “Trotz Unsicherheit Gelassenheit und Ruhe vermitteln”

Schulstart in Coronazeiten und die Psyche: Schulpsychologin Brigitta Amann gibt Tipps für das dritte Schuljahr in Coronazeiten.
Bludenz Homeoffice der Eltern sowie Schulschließungen brachten viele Familien in den letzten beiden Schuljahren an ihre Belastungsgrenzen. Heute beginnt bereits das dritte Schuljahr unter Pandemiebedingungen. In den vergangenen Monaten hätten die Anfragen bei den Schulpsychologen besonders zu überbordendem Medienkonsum sowie zu Esssüchten zugenommen, sagt Brigitta Amann, Leiterin der Schulpsychologie in Vorarlberg. Sie blickt auf eine bewegte Zeit zurück und gibt Tipps für das neue Schuljahr.
Heute beginnt das neue Schuljahr. Es ist das dritte Jahr während der Coronapandemie. Gibt es einen stärkeren Zulauf bei den Schulpsychologen?
Amann Gerade im vergangenen Jahr hatten die Schulpsychologen einen enormen Zulauf. Wir hatten wirklich viele Anfragen und einiges zu tun. Darunter waren viele komplexe Fragestellungen und vielschichtige Probleme, die sich leider manchmal gegenseitig hochschaukeln. Wir haben gemerkt, dass es viel schwerwiegender ist, was die Schülerinnen und Schüler belastet, als in vorangegangenen Jahren.
Haben sich die Anliegen der Schülerinnen und Schüler in der Pandemie verändert?
Amann Konkret kamen vermehrt Anfragen zu Angst- und Depressionsthemen, aber auch ein großer Leistungsdruck war spürbar. Jüngere Kinder zeigen häufiger Bauchweh oder Schlafprobleme. Einige Schülerinnen und Schüler haben einen übermäßigen Konsum der neuen Medien entwickelt. Auch Esssüchte haben zugenommen.
Wie viele Beratungen wurden im vergangenen Schuljahr von den Schulpsychologen in Vorarlberg geleistet?
Amann Im vergangenen Schuljahr 2020/2021 haben 2290 Personen um Information, Rat oder Unterstützung angefragt. Das sind in absoluten Zahlen etwa 5 Prozent mehr als in regulären Schuljahren. Im Durchschnitt ist der Beratungsaufwand pro Fall aber deutlich gestiegen.
In Österreich stehen für 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler derzeit 181 Schulpsychologen zur Verfügung. Wie sieht die Personalsituation in Vorarlberg aus?
Amann In Vorarlberg gibt es zwölf Schulpsychologen. Wir sehen uns als Teil von einem größeren Unterstützungsnetzwerk. Es gibt Beratungslehrpersonen an den Schulen, Sozialarbeiter und speziell ausgebildete Lehrpersonen. Wir Schulpsychologen nutzen das ganze Vorarlberger Sozialsystem und arbeiten mit den Vorarlberger psychosozialen Einrichtungen wie pro mente, ifs oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammen. Aber es könnte natürlich viel mehr Schulpsychologen gebrauchen.
Sollte es an jeder Schule einen Schulpsychologen geben?
Amann Persönlich fände ich ein multiprofessionelles psychosoziales Team an jeder großen Schule ideal, bestehend aus Sozialarbeitern, Pädagogen und Schulpsychologen, um ein weitreichendes Angebot für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen.
Haben Sie Tipps für Eltern bzw. Schülerinnen und Schüler für das kommende Schuljahr?
Amann Eltern rate ich in der momentanen Situation trotz aller Unsicherheit die bestmögliche Gelassenheit und Ruhe zu vermitteln. Ich möchte auch meine Hochachtung allen Eltern und Schülern gegenüber aussprechen, für den enormen Aufwand und Einsatz, den sie während der Zeit des Homeschoolings an den Tag gelegt haben. Sollte es erneut zu Schulschließungen kommen, haben wir alle schon viel dazugelernt. Es sollten die schulischen Betreuungsangebote genutzt, Kontaktmöglichkeiten gepflegt und als Familie viel zusammen unternommen werden. Klingt leicht und ist vielleicht doch schwierig – man kann die Dinge auch nicht schönreden.
An wen können sich Schülerinnen und Schüler in psychologischen Notsituationen wenden?
Amann Es ist immer gut, sich einem Menschen anzuvertrauen und die Sorgen mit jemanden zu teilen. Das können neben Freunden durchaus Lehrerpersonen sein. Wenn aber der Hut brennt, sollte professionelle Hilfe geholt werden. Da kann nichts falsch gemacht werden.
Psychologische Beratung für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Erziehungsberechtigte: Bundesweite Telefonhotline (kostenlos und vertraulich). Mo. bis Fr. 8 bis 20 Uhr und Sa. 8 bis 12 Uhr: 0800 211320.
Dr. Brigitta Amann
Geboren 20. November 1970
Beruf Psychologin
Ausbildung Studium der Psychologie in Graz, seit 1999 im psychologischen Schuldienst
Wohnort Bludenz
Familie in Partnerschaft, zwei Kinder