Trotz Coronakrise weniger Suizide in Vorarlberg

Vorarlberg / 10.09.2021 • 16:01 Uhr
Das Schwerpunktthema des Suizidberichts 2020 lag auf der Covid-19-Pandemie. <span class="copyright">apa/symbol</span>
Das Schwerpunktthema des Suizidberichts 2020 lag auf der Covid-19-Pandemie. apa/symbol

Die Suizidrate ist trotz Coronakrise gesunken. 2020 gab es in Vorarlberg 43 Selbstmorde.

Bregenz Das Argument ist besonders bei Gegnern der Corona-Maßnahmen beliebt. Die strengen Lockdowns hätten zu mehr Selbstmorden geführt. „In Zeiten von so viel Unsicherheit, Spekulationen und Falschmeldungen, ist es umso wichtiger, Fakten zu liefern“, betont Albert Lingg, ehemaliger Chefarzt des Landeskrankenhauses Rankweil und Mitverfasser des Suizidberichts, der traditionellerweise am Weltsuizidpräventionstag am 10. September präsentiert wird. Tatsächlich ist die Anzahl der Suizide in Österreich und anderen Ländern während der Pandemie um vier Prozent gesunken.

Trotz Coronakrise weniger Suizide in Vorarlberg

2020 nahmen sich in Vorarlberg 43 Menschen das Leben, österreichweit waren es 1072. Damit hätten sich die Zahlen auf einem vergleichsweise niedrigem Niveau stabilisiert. „Das heißt aber nicht, dass die Belastungen durch die Pandemie nicht ernst zu nehmen sind“, mahnt Lingg.

Albert Lingg (l.) und Reinhard Haller (r.) bei der Präsentation des Vorarlberger Suizidberichts 2020. <span class="copyright">Vol.at/Mayer</span>
Albert Lingg (l.) und Reinhard Haller (r.) bei der Präsentation des Vorarlberger Suizidberichts 2020. Vol.at/Mayer

Suizidalität sei immer ein Indikator für gesellschaftliche und psychosoziale Entwicklungen, erklärt Psychiater Reinhard Haller, der neben Lingg und Isabel Bitriol-Dittrich den Suizidbericht mitverfasst hat. Eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen habe bestätigt, dass es während dem ersten und zweiten Lockdown zu einem deutlichen Anstieg von psychischen Problemen in der Bevölkerung gekommen ist. „Es wurden gleichsam Suizidrisikofaktoren begünstigt, zum Beispiel durch Vereinsamung, Angsterkrankungen, Depressionen oder Suchtkrankheiten“, erklärt Haller. Problematisch erwies sich außerdem, dass viele psychisch Erkrankte durch den Lockdown Hilfe nicht mehr in Anspruch nehmen konnten. Dass die Suizidhäufigkeit nicht mit dieser Entwicklung parallel verlief, führen die Experten auf rasche soziale und gesundheitsfördernde Maßnahmen zurück, etwa den Ausbau der telefonischen Krisenintervention.

Flitterwocheneffekt

Eine weitere Erklärung für die überraschende Entwicklung sei der sogenannte Flitterwocheneffekt, der besagt, dass am Anfang einer schweren Krise ein besserer sozialer Zusammenhalt ein vorübergehender Rückgang bewirken kann. Die Studienautoren warnen allerdings vor gesellschaftlichen Ermüdungseffekten in der Gesellschaft, die es wachsam zu beobachten gelte: „Das kennt man von anderen Krisen, dass die Suizide nicht in den ersten Monaten angestiegen sind, sondern mit einer Verzögerung.“ VN-MIH

Albert Lingg bei “Vorarlberg live”: www.youtube.com/watch?v=E8zbQh9Flxo