Ethik: Vom Schulversuch zum Regelfall

Vorarlberg / 31.08.2021 • 10:00 Uhr
Ethik: Vom Schulversuch zum Regelfall
Das neue Schuljahr bringt den Ethikunterricht in alle Oberstufen. APA

Neu: Verpflichtender Ethikunterricht bei Abmeldung vom Religionsunterricht.

Schwarzach Stellen Sie sich vor, Sie gehen in den Supermarkt und bestellen sich eine Wurstsemmel. Damit haben Sie eine Entscheidung getroffen, ohne groß darüber nachzudenken. Dahinter stehen Werte: Wissen Sie, wie eine Wurst hergestellt wird? Woher die Semmel kommt? Wie es dem Tier gegangen ist? Fragen wie diese beschäftigen Schüler im Ethikunterricht. “Es ist ein banales Beispiel. Aber es gilt, Schüler für solche Fragen zu sensibilisieren”, erklärt Thomas Waibel, Leiter der Arge Ethik. Ab kommendem Schuljahr wird Ethikunterricht zur Pflicht. Zumindest für jene, die sich vom Religionsunterricht abmelden. Dieser Umstand stößt auf Kritik.

Thomas Waibel unterrichtet seit 2004 Ethik am Gymnasium Schoren. Was nun österreichweit verpflichtend wird, gibt es im Rahmen eines Schulversuchs schon seit über 20 Jahren. Und zwar an fast allen AHS und einigen berufsbildenden Schulen im Land. Eigentlich hätte das schon vor einem Jahr in den Regelbetrieb übernommen werden sollen, wurde aber noch einmal verschoben. Waibel sieht die Einführung mit gemischten Gefühlen. “Ich bin ein starker Vertreter des Ethikunterrichts für alle, statt einer Alternative für Schüler, die sich vom Religionsunterricht abmelden.”

Ethik als Pflichtfach?

Auch Eytan Reif von der Initiative Ethik für alle kritisiert die Form. “Dieser Unterricht lebt vom Austausch im Klassenverband. Ethik setzt voraus, dass Schüler miteinander diskutieren. Das bringt nur etwas, wenn jeder Schüler mit seinem Hintergrund dabei ist.” Das aktuelle Gesetz führe dazu, dass nur Schüler diskutieren, die eigentlich konfessionell nicht gebunden sind. “Ein Ethikunterricht nur unter Konfessionsfreien ist eigentlich eine Verhöhnung des Begriffs.” Außerdem werde der Religionsunterricht indirekt aufgewertet, quasi von einem Wahlfach mit Abmeldemöglichkeit zu einem Wahlpflichtfach. Auch er fordert Ethik als separates Schulfach. Reif und Waibel sind sich einig: Die jetzige Form dürfte allerdings nun längere Zeit bestehen bleiben.

Ethik ist kein geschenkter Einser. “Zumindest bei uns in Schoren ist es Tradition, dass wir fast durchgehend Prüfungen haben”, erläutert Waibel. Schließlich kann in Ethik maturiert werden. “Ich kann Schüler nicht ungeprüft zur Matura bringen. Das würde sie verunsichern.” Vier bis sechs Maturanten entscheiden sich im Durchschnitt pro Klasse und Jahr für eine Ethikmatura. Ein Teil einer Maturafrage könnte das Konzept der geschenkten Einser beleuchten, erklärt der Arge-Leiter.  “Sind Einheitsnoten gerecht?” Die Schüler könnten verschiedene Gerechtigkeitskonzepte anwenden, die sie gelernt haben. “Jedem das Gleiche? Oder wäre es leistungsfeindlich? Was macht es mit jemandem, der sich anstrengt und dieselbe Note bekommt wie jemand, der nichts tut?” Am 14. September geht es los.