Sehnsucht nach einem Miteinander an Vorarlbergs Schulen

VN-Serie zum Schulstart (1/12). Interview mit Schullandesrätin Barbara Schöbi-Fink.
Fußach Schöbi-Fink rät allen, denen es möglich ist, sich impfen zu lassen. Sie wäre froh, wenn Corona nicht mehr den Schulalltag bestimmen würde und fordert ein Miteinander bei der Suche nach Pädagoginnen und Pädagogen sowie bei anderen Herausforderungen.
Gibt es etwas ganz Spezielles, das Ihnen im vergangenen Schuljahr so richtig Freude bereitet hat?
Schöbi-Fink Das Lachen der Schülerinnen und Schüler als sie wieder in Ihre Klasse kommen und ihre Freude als sie ihre Freundinnen und Freunde wiedersehen konnten.
Gibt es andererseits etwas, was Sie im vergangenen Schuljahr als Misserfolg bezeichnen würden?
Ich möchte weniger von einem Misserfolg sprechen, mehr von Learning aus der Krise. Die Bildungsdirektion, die Schulen und ich haben in dieser herausfordernden Zeit viel gelernt und uns auf bisher Unbekanntes einstellen müssen. Alle Beteiligten waren stets bemüht einen guten Weg sowie Lösungen zu finden. In Krisenzeiten ist vor allem die Kommunikation wichtig. Die Information an die Schulen musste oft schnell gehen. Daher haben wir in der Bildungsdirektion ein umfassendes Servicesystem eingerichtet, das alle mit der Corona-Pandemie im Zusammenhang stehende Fragen beantwortet, Unterlagen aufbereitet, Schulen begleitet und insbesondere in den Lockdowns rund um die Uhr erreichbar war. Da vor allem die psychische Belastung zugenommen hat, haben wir gemeinsam mit dem ifs eine psychosoziale Stelle für Lehrer/innen eingerichtet.
Stand heute: Wie wird man mit der noch immer nicht verschwundenen Corona-Situation im neuen Schuljahr umgehen?
Wir nutzen die Tage bis zum Schulstart, um gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie der Bildungsdirektion für Vorarlberg Maßnahmen zu definieren, damit wir im Herbst sicher in das neue Schuljahr starten können. Es sind alle Schulpartner eingeladen, ihre Ideen und Vorschläge einzubringen. Das Schuljahr wird jedenfalls – das ist bekannt – mit einer dreiwöchigen Sicherheitsphase mittels Selbsttestungen beginnen.
Wird es von Ihnen ein Impfempfehlung für alle Schüler geben, die das schon machen dürfen?
Ich empfehle jeder Person sich impfen zu lassen.
Jugendliche und Kinder könnten bald zu der am wenigsten immunisierten Gruppe gehören. Was für Konsequenzen muss das in der Schule haben? Und für die Lehrer?
Unsere Lehrpersonen haben bereits im Frühjahr ein priorisiertes Angebot zur Impfung erhalten, welches gut angenommen wurde. Ca. 80 Prozent der Pädagoginnen und Pädagogen haben sich bereits geimpft. Meine Kollegin Landesrätin Rüscher evaluiert die Impfstrategie regelmäßig und adaptiert diese laufend. Möglichst vielen Kinder und Jugendlichen vor Schulstart ein Impfangebot machen zu können, ist hierbei ein zentrales Anliegen. In den ersten Vorbereitungsgesprächen mit dem Bund war eine 3G-Regel in der Schule für das Bildungsministerium vorstellbar.
Das System wurde von Lehrervertretern mitverantwortlich für den Suizid von zwei Lehrerinnen gemacht. Das hat sie ungewöhnlich wütend gemacht? Wie sehen Sie diese Vorwürfe jetzt, im Abstand von ein paar Wochen?
Ich möchte hier nicht zurückblicken. Der Pflichtschullehrervertretung habe ich zu den Vorwürfen alles gesagt. Ich glaube, dass Herrn Witzemann nach vielen ähnlichen Rückmeldungen auch klar ist, dass er hier einen Schritt zu weit gegangen ist.
Das Ministerium hat die Bildungsdirektion wegen der unzufriedenen Personalsituation in der Sommerschule hart kritisiert. Auf wessen Seite standen Sie da?
Es bringt nichts, sich gegenseitig die Schuld zuzuweisen, wir müssen für die Schülerinnen und Schüler eine Lösung finden. Die Bildungsdirektion war und ist hier sehr bemüht, genügend Lehrpersonen zu finden, die sich bereit erklären, in ihrer unterrichtsfreien Zeit allen angemeldeten Schülerinnen und Schülern dabei zu helfen Versäumtes nachzuholen.
Gibt es vor lauter Corona für das kommende Schuljahr auch klar deklarierte pädagogische Schwerpunkte?
Der Schwerpunkt Digitalisierung wird mit dem 8-Punkte-Plan des Bundes vor allem in der Sekundarstufe I ein wichtiger sein. Vor allem, weil er das Unterrichten wesentlich verändern wird. In der Volksschule bleibt das Erlernen der Grundkompetenzen im Fokus. Und nach diesem schwierigen Schuljahr wird die Schule als sozialer Ort ganz wichtig sein.
Der Lehrermangel wird abseits von der Sommerschule immer dramatischer. Wie kann man in ihrer Funktion als Schullandesrätin dagegen tun?
In Vorarlberg unternehmen wir im Rahmen unserer Kompetenz alles Mögliche: Wir werben in anderen Bundesländern, wir führen Gespräche mit Teilzeitkräften, ob es nicht vorstellbar wäre, das Beschäftigungsausmaß zu erhöhen, wir haben mit „bildung bringts“ eine Lehrerimage-Kampagne gestartet, das Land hat eine eigene GmbH gegründet, um dem Stütz- und Begleitpersonal ein attraktives Anstellungsverhältnis bieten zu können, die PH Vorarlberg besucht alle Maturaklassen sowie die 7. und 8. Schulstufen, um die Ausbildung zu bewerben. Letztlich ist es aber die Aufgabe des Bundes, dass für Vorarlberg genügend Lehrpersonen ausgebildet werden.
Die Bildungsdirektion scheint immer mehr ausschließlich ein Erfüllungsgehilfe von zentralen Vorgaben in Erscheinung. Was steckt da eigentlich noch an Vorarlberg drinnen?
In diesem Krisenjahr brauchte es eine zentrale Stelle, bundesweit einheitliche Vorgaben halte ich hier auch für sinnvoll. Die Maßnahmen waren immer mit den anderen Bundesländern abgestimmt, wenn auch sehr kurzfristig. Die Bildungsdirektion ist sehr bemüht die Schulen zu unterstützen. Dank der Überschaubarkeit des Landes pflegt die Vorarlberger Bildungsdirektion, im Unterschied zu anderen größeren Bundesländern, einen sehr engen Kontakt zu den Schulen.
Was müsste sich das kommende Schuljahr gestalten, dass Sie am Ende sagen könnten: Es war ein erfolgreiches Jahr?
Ich wünsche mir, dass alle Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrpersonen ein Schuljahr in voller Präsenz erleben dürfen, in dem wieder Klassengemeinschaft und das Miteinander Lernen erfahrbar werden.