Die Freundlichkeit von Fremden
Am Wochenende bin ich wieder mal mit dem Zug gefahren. Nicht die hosensackmäßig vertraute Strecke zwischen Wien Meidling und Feldkirch, sondern in die Steiermark, zu einer ersten Lesung in Bad Aussee. Ich fuhr nach Stainach-Irdning, wo mich der Veranstalter aufklaubte, stieg um in Bruck an der Mur und in St. Michael in der Obersteiermark, und zuckelte wie immer im Regionalexpress durch Orte, hübsche Orte, von deren Existenz ich, soweit ich mich erinnern konnte, noch nie gehört hatte. Ich hatte ein Buch in der Tasche, aber wie meistens kam ich nicht zum Lesen, weil ich mir, mit dem Kopfhörer voller guter Songs auf den Ohren, die Nase am Fenster platt drückte, um die Menschen zu erspähen, die in Sichtweite der Bahn wohnen.
„Ich überlege mir, in welchem Garten ich mich wohlfühlen würde und in welchem gar nicht.“
Ich sehe sie, ganz kurz nur, im Vorbeiflitzen, ich sehe sie Mittagessen und Kaffee trinken und Bier, ich sehe sie rauchen und mit ihren Kindern in Pools plantschen und Rasen mähen, und manchmal, wenn der Zug gerade ein bisschen langsamer fährt, gelingt es mir, ein bisschen in die Häuser hinein zu wundern, in die Gärten und auf die Veranden, und hundert Fragen fliegen durch meinen Kopf. Wieso haben sie sich entschieden für diesen Drahtzaun mit der gruseligen mit Blättern bedruckten Plastikfolie? (Wahrscheinlich weil er preiswert ist, einfach aufzustellen und haltbar.) Sind sie happy mit dem Wintergarten, auf den sie so lange gespart haben, oder denken sie sich manchmal: Vorher war’s eigentlich besser? Ich überlege mir, in welchem Garten ich mich wohlfühlen würde und in welchem gar nicht, und plötzlich bin ich, ohne dass ich die Zeit vergehen spürte, am Ziel und muss schnellschnell meinen Sachen zusammenraffen und aus dem Zug springen.
Auf der Rückfahrt stieg ich in Attnang-Puchheim in den Railjet, fand meinen reservierten Platz in einem vollen Waggon, unweit von Menschen, die offenbar schon länger im Zug saßen, denn die Karten, mit denen sie neben mir spielten, erkannte ich, als ihnen das Weli zu Boden fiel, und dann auch den Dialekt. Ah, Vorarlberger aus dem Unterland. Ein süßer Zweijähriger tschuttete mit allen Reisenden, die bereit waren, ihm den Ball wieder zurückzuschießen und schlief dann am Schoß seiner Mutter ein. Ich erinnerte mich daran, wie oft ich mit den Baby-Zwillingen Zug gefahren bin, wie anstrengend das war, aber auch auf wie viel Freundlichkeit ich dabei immer stieß, von Fremden, die ganz selbstverständlich ihre Hilfe anboten.
Ich werde in den nächsten Wochen wieder oft in Zügen sitzen und durch Orte fahren, von denen ich nie zuvor gehört habe, mit Musik in den Ohren, und jetzt freu ich mich richtig darauf.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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