“Ist Wasserstoff wirklich eine Alternative, Herr Drexel?”

Experte und Autor Christof Drexel (Klimavor) über Elektroautos, Fleisch und die S 18.
Schwarzach Christof Drexel veröffentlichte vor zwei Jahren ein Buch mit dem Titel: “Zwei Grad. Eine Tonne.: Wie wir das Klimaziel erreichen …” Der Obmann von Klimavor spricht im Interview über Elektromobilität, Wasserstoff, die S 18 und erklärt, wo Vorarlberg gerade eine Chance liegen gelassen hat.
Wie merken wir in Vorarlberg den Klimawandel?
Drexel Zum Beispiel an den erhöhten Temperaturen. Weltweit liegt der Durchschnittswert der globalen Erwärmung derzeit bei 1,2 Grad. In Vorarlberg sind wir schon bei über zwei Grad. Wir merken ihn auch in der Zunahme der Hitzetage und der Extremwetterereignisse.
Wie heiß darf es werden?
Drexel Wenn wir die ganz große Katastrophe verhindern wollen, müssen wir die globale Erwärmung am besten bei 1,5 Grad halten, allerhöchstens bei zwei Grad. Irgendwo zwischen diesen Temperaturen befinden sich die Kipppunkte, ab denen wir nichts mehr steuern können und alles aus dem Ruder läuft. Zum Beispiel, dass der Permafrostboden in Sibirien auftaut und Methan freisetzt. Diese Kipppunkte müssen wir vermeiden.
Aber was kann Vorarlberg da überhaupt ausrichten?
Drexel Wir müssen die Emissionen weltweit auf null bekommen, also dürfen wir keine fossilen Brennstoffe mehr verwenden. Vorarlberg muss das Gleiche tun, was die ganze Welt tun muss: von den fossilen Brennstoffen wegkommen.
Wie kann das in Vorarlberg gelingen?
Drexel Wie in vielen Regionen Europas haben wir die Hauptthemenfelder Bauen und Wohnen. Da geht es einerseits um die Errichtung, andererseits um die Heizung. Beim Heizen könnte man den Bedarf massiv reduzieren, indem man auf effizientere Gebäudehüllen setzt. Den Rest kann man durch erneuerbare Energien decken. Da haben wir im Land leider gerade die Möglichkeit verabsäumt, das Gasverbot in die neue Bautechnikverordnung reinzubringen.
Hätte es das jetzt schon gebraucht?
Drexel Ja. Unabhängig davon, bis wann wir die Klimaneutralität erreichen wollen, gilt: Es ist umso wirtschaftlicher, je länger die Zeitspanne ist, die wir zur Verfügung haben. Wir sollten also jetzt damit anfangen.
Sie haben Effizienz angesprochen. Es reicht also nicht, einfach umzustellen?
Drexel Das gilt in allen Bereichen. Beim Bauen und Wohnen ebenso wie bei der Mobilität. Die Elektromobilität ist ein Effizienzhammer. Wir arbeiten beim Verbrennungsmotor gesamthaft mit einer Wirkungsgradkette von 30 Prozent. Mit dem Elektromotor schaffen wir 90 Prozent. Wir brauchen also dreimal weniger Energie. Neben der Effizienzstrategie und der Erneuerbarenstrategie braucht es auch eine Suffizienzstrategie. Also eine Änderung des Lebensstils. Damit meine ich zum Beispiel den Fleischkonsum oder die Art der Mobilität.
Müssen wir verzichten?
Drexel Eckart von Hirschhausen hat auf diese Frage geantwortet: Er müsse sehr wohl verzichten. Er genießt sechsmal pro Woche ein vegetarisches Menü, am Sonntag den Sonntagsbraten und verzichtet dadurch auf das Risiko, an Schlaganfall und Herzinfarkt zu sterben. Man kann dieses Thema auch so transportieren. Beim Fleischkonsum tut sich jetzt schon etwas, es gibt immer mehr Vegetarier oder Veganer. Aber man muss gar nicht auf das Schnitzel verzichten. Wichtig ist, dass die Breite der Bevölkerung den Fleischkonsum reduziert. Auch mit Biolandwirtschaft kann man die Emissionen signifikant reduzieren. Da sind wir in Vorarlberg im Österreich-Vergleich leider sehr schwach unterwegs.
Der CO2-Ausstoß im Verkehr steigt in Vorarlberg weiter an. Was macht man im Land falsch?
Drexel Vorarlberg ist nicht so schlecht unterwegs. Die Radwegenetze sind gut und werden ausgebaut. Im öffentlichen Verkehr müssen wir es schaffen, dass man zu einer Haltestelle geht und weiß, dass in fünf bis zehn Minuten ein Bus oder Zug kommt. Das größte Potenzial liegt in der Verlagerung der Mobilität. Der Rest ist Elektromobilität, und da ist der Boom nicht mehr aufzuhalten.
Haben wir genügend Strom?
Drexel Photovoltaik mal drei spielt sicher eine wichtige Rolle. Bei PV werden wir sicher noch mehr machen müssen. Es ist die angenehmste Form der Erneuerbarengewinnung in Vorarlberg. Mit Windkraft tun wir uns schwer, bei Wasserkraft sind uns Grenzen gesetzt. PV führt allerdings zum nachgelagerten Problem, dass wir sie hauptsächlich im Sommer ernten und im Winter nur wenig davon haben. Saisonale Speicherung wird ein großes Thema, da wird schon viel geforscht. Das könnte mit Wasserstoff erfolgen.
Die Politik betont stets den Wasserstoff. Ist er eine ernst zu nehmende Alternative zur Elektromobilität?
Drexel Nein. Ähnlich wie beim Verbrennungsmotor ist Elektromobilität um den Faktor drei überlegen. Natürlich kann man auch Wasserstoffautos mit erneuerbarer Energie betreiben. Ich brauche halt dreimal so viel. Im Güterverkehr könnte es vielleicht ein Nischenthema werden. Aber auch da baut man immer größere Batterien und kommt in die Größenordnung der Lkw-Fahrer-Zyklen. Wenn das gegeben ist, spricht nichts gegen Elektromobilität. Wasserstoff ist aber in sehr vielen Industriebereichen eine essenzielle Lösung, zum Beispiel in der Stahlproduktion oder der chemischen Industrie.
Brauchen wir noch neue Straßen?
Drexel Wenn wir Klimaneutralität ernst nehmen, wird Mobilität im Jahr 2040 anders aussehen. Wir werden keine Fahrzeuge mehr haben, die stinkende Abgase produzieren und viel Lärm machen. Der Verkehr verlagert sich zur öffentlichen und sanften Mobilität. Es wird gar nicht anders gehen, sonst nehmen wir die Klimaneutralität nicht ernst. Und da müssen wir schauen: Welche Infrastrukturprojekte brauchen wir? Das müssen Verkehrsplaner skizzieren. Ich vermute mal, dass es die S 18 in dieser Form nicht brauchen wird. Man muss Infrastrukturprojekte für ein klimaneutrales Verkehrssystem planen, nicht für das heutige.
Also zum Beispiel eine Straßenbahn nach Lustenau und in die Schweiz?
Drexel Ja, beispielsweise.