Mehl, Zucker und Stöckelschuhe

Maria Öhlinger und ihre Erinnerungen an die Care-Pakete.
bregenz Österreich schrieb den 19. Juli 1946, als die ersten Care-Pakete aus den USA in Wien ankamen. Diese Lieferung war aber nur der Auftakt für eine einzigartige Hilfsaktion. Eine Million Pakete waren es in weiterer Folge, die den Hunger der Not leidende Bevölkerung in der Nachkriegszeit linderten. Die Pakete im Wert von 15 US-Dollar enthielten Fleisch- und Gemüsekonserven, Fett, Mehl, Kaffee, Getreideflocken, Eipulver, Zucker und Trockenmilch. Sie ernährten eine Familie einen Monat lang. ein Jahr später passte sich Care mit eigenen Paketinhalten den Bedürfnissen der Bevölkerung an. Jetzt gab es auch Pakete mit Nahrungsmitteln für Säuglinge und Kleinkinder, Decken, Medikamenten, Strickwolle und Schuhen.
Ohne Absender
Auch Maria Öhlinger (90) und ihre Mutter, damals noch in Haag in Niederösterreich wohnhaft, bekamen zwei solcher Pakete zugestellt. „Ohne Absender, dafür aber wunderschön verpackt“, erzählt die rüstige Seniorin. Später habe sie dann erfahren, dass es aus Amerika kam. Maria Öhlinger hat nichts von damals vergessen. Die Erinnerungen sprudeln flüssig wie frisches Quellwasser aus ihrem Mund. „Im ersten Paket befanden sich zwei Kilo weißes Mehl und zwei Kilo Kristallzucker“, berichtet Maria Öhlinger. Das zweite Paket enthielt Kleidung und ein Paar blaue Stöckelschuhe. Die Freude war groß. „Sie müssen sich vorstellen, ein Mädchen vom Lande in Stöckelschuhen!“, bemerkt die alte Dame mit einem vielsagenden Lächeln. Das ungewohnte Schuhwerk bereitete beim Gehen zwar einige Schwierigkeiten, getragen hat es die junge Maria trotzdem gerne. Es sollten jedoch die einzigen Stöckelschuhe in ihrem langen Leben bleiben. Beim Bauern, bei dem das Mädchen nach der Schule arbeitete, konnte sie noble Treter ebenso wenig brauchen wie später in Wien, wo sie in der Krankenpflege tätig wurde. Die Liebe zu diesem Beruf steckte von Kindesbeinen an in Maria Öhlinger. Sie hätte so gerne eine Krankenpflegeschule absolviert, doch dafür fehlte ihr der Hauptschulabschluss.

Den Weg geebnet
Ein Seelsorger ebnete ihr schließlich den Weg in die Innsbrucker Krankenpflegeschule. Aufnahmeprüfung und Diplomausbildung bestand die junge Frau mit Bravour. „Ein bisschen Glück gehört zum Leben“, sagt sie. Mit 30 kam Maria nach Vorarlberg, wo sie im damaligen Stadtspital Bregenz eine Stelle als Krankenschwester antrat. Sie hatte sich für drei Jahre verpflichtet, geworden sind es letztlich 31 Jahre. „Die Kranken sind überall gleich“, habe sie sich bei ihrer Entscheidung gedacht und sie nie bereut, gleichwohl die Anfangsjahre nicht ganz einfach waren. Besonders der Dialekt machte der gebürtigen Niederösterreicherin zu schaffen. „Inzwischen verstehe ich euch“, flicht sie schmunzelnd ein. Maria Öhlinger ist zufrieden mit dem, was sie erreicht hat. „Ich bin von meinen Eltern so erzogen worden, dass man nicht alles haben kann. Das ist mir geblieben.“ Zufriedenheit ist für sie das höchste Gut. „Wenn ein Mensch zufrieden ist, was will er dann noch mehr?“, fragt sie und streichelt versonnen ihre Katze „Cocko“, die sich wohlig zu ihren Füße wälzt.
