Notbremse gezogen und der Kasse gekündigt

Kinderfachärztin Nicole Häle wurde als einzige Kassenärztin in Feldkirch buchstäblich überrannt.
feldkirch Kommende Woche bleibt die Ordination von Nicole Häle (46) geschlossen. “Wegen Urlaub”, wie sie erklärt. Anschließend ist die Feldkircher Kinderfachärztin wieder für ihre kleinen Patienten da. Weiterhin mit Herzblut, aber bald nicht mehr als Kassenärztin. Ihren Wechsel ins Wahlarztsystem bezeichnet Häle als Notbremse, und sie wollte ein Zeichen setzen. Die Pensionierung des zweiten Kinderfacharztes mit Kassenvertrag hatte nämlich zur Folge, dass ihre Ordination überrannt wurde. “Die Praxis war voll”, erzählt Nicole Häle im Gespräch mit den VN. An starken Tagen, und die gab es immer öfter, behandelte sie bis zu 70 Kinder. Patienten, die aus dem ganzen Land kamen. Bis irgendwann nichts mehr ging. Schweren Herzens erließ sie einen Aufnahmestopp. Termine vergab sie nur noch an Geschwisterkinder und Neugeborene. “Mit ihnen müssen die Eltern ja irgendwohin.”
Von Ankündigung überrascht
Cathrin kommt mit ihrer Tochter Yara zur Untersuchung. Vier Wochen alt ist das Mädchen, das noch zwei ältere Brüder hat. Behutsam untersucht Nicole Häle das Baby, drückt sanft da und dort, redete beruhigend auf die Kleine ein. Die Mutter wusste um die enorme Belastung ihrer Kinderärztin. “Deshalb habe ich vorsichtshalber angerufen und gefragt, ob sie Yara noch nimmt.” Da schon ihre beiden Buben bei Nicole Häle in der Kartei stehen, war die Antwort klar und Cathrin erleichtert. Überrascht wurde sie jedoch von der Ankündigung, dass Häle den Kassenvertrag niederlegt und ins Wahlarztsystem wechselt.
Verständnis für den Schritt
Doch Cathrin kann es verstehen. “Du siehst wieder besser aus”, sagt sie mit einem Blick auf die Kinderärztin. “Die Eltern scheinen sich auch Sorgen um meine Gesundheit gemacht zu haben”, konstatiert Nicole Häle mit einem Lächeln. Cathrin nickt zustimmend. Sie will Häle auch ab 2022 als Kinderärztin behalten. “Ich bin so zufrieden, dass ich die Wahlarztkosten gerne trage”, sagt die Göfnerin, fragt sich aber: “Was machen Eltern, die sich das nicht so einfach leisten können?” Auch Nicole Häle hat sich die Entscheidung nicht leichtgemacht, hat ein Jahr überlegt, immer wieder auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht. Sie sei sich selbst schon lästig vorgekommen. Niedergelassene Kollegen und die Spitäler in Feldkirch und Dornbirn boten Unterstützung an. Dafür war und ist Nicole Häle dankbar, aber: “So, wie es ist, geht es nicht mehr.” Am 14. Juli informierte sie schließlich alle relevanten Stellen von der Absicht, den Kassenvertrag zu kündigen. Die Ärztekammer fragte, ob sie nicht umzustimmen sei, die ÖGK bedankte sich für die gute Zusammenarbeit.

Jetzt gilt es, Nachfolger für gleich zwei offene Kinderfacharztstellen in Feldkirch zu finden. Nicole Häle übernahm die Praxis im September 2014. Sie war nach langen drei Jahren die einzige Bewerberin. Daran zu glauben vermag sie nicht, dennoch hofft Nicole Häle für die Eltern, dass es diesmal schneller geht.