Eine Kindheit im Hochgebirge

Die Schwestern Anneliese Fleisch (81) und Hermine Walch (77) wurden auf der Saarbrücker Hütte groß.
Schruns Ihre Eltern Jakob und Anna Both bewirtschafteten von 1939 bis 1956 die höchstgelegene Schutzhütte (2538 m) im Silvretta-Gebirge. Manchmal sehnen sich die Schwestern nach dem Hochgebirge. Dann machen die zwei Frauen einen Ausflug in die Silvretta. Die (schönen) Kindheitserinnerungen kommen dann im Sekundentakt hoch.

Die Natur war der Spielplatz der Mädchen. „Unter der Hütte gab es einen kleinen See. In den haben wir flache Steine geworfen und gezählt, wie oft sie im Wasser aufschlagen“, erinnert sich Hermine. Auch der Litzner-Sattel-Gletscher, der damals noch bis zur Hütte reichte, war ein bevorzugter Aufenthaltsort der Schwestern. „Wir durften aber nur bis zur Sandbank gehen“, erzählt Anneliese. In die Höhle am Ende des Gletschers wagten sich die beiden „Meigana“ nur mit ihren Eltern. „Wir waren neugierig. Aber wir spielten hier nicht, weil wir Angst hatten. Es war dort so dunkel.“ Die Gletscherhöhle diente der Familie als Kühlschrank. „Hier lagerte Papa Fleisch.“

Der Vater, ein Bergführer, machte mit seinen Töchtern schon früh Berg- und Skitouren. „Er brachte uns das Skifahren bei. Wir haben schöne Touren gemacht, unter anderem auf die kleinen Seehörner.“ Klettern war auch oft angesagt bei den Schwestern. „Man kannte ja nix anderes. Ich kann mich erinnern, dass Anneliese und ich einmal beim Kleinen Litzner ein Stück hochgeklettert sind.“ Ihre Schwester ergänzt: „Mama verbot uns Kindern strengstens, auf Gipfel zu gehen.“ Die Hüttenwirtin wusste um die Gefahren, die in den Bergen lauern. Als einmal ein schreckliches Unglück passierte, bekamen auch ihre Töchter großen Respekt vor den Bergen. „Über den Sommer waren bei uns zwei Studenten einquartiert. Mama hatte eine böse Vorahnung und sagte zu ihnen: ,Buben, geht’s heim, bevor etwas passiert.‘“ Tage später waren die beiden jungen Männer tot, sie waren am Großlitzner abgestürzt.
Angst vor Gewittern
„Angst hatten wir dort oben oft, gell Anneliese.“ Die Schwester nickt und kommt auf die gefürchteten Gewitter zu sprechen. Wenn sich über der Hütte dunkle Wolken zusammenbrauten und erste Blitze am Himmel zuckten, hieß es für die Familie und ihre Gäste: Ab in den Keller. „Wir fürchteten uns brutal. Es war so gefährlich. Die Wasserleitungen in der Küche funkten und blitzten.“ Angst kam bei den Mädchen und deren Mutter auch auf, wenn sie allein auf der Hütte waren und der Vater tagelang fort war, weil er auf Tour oder als Säumer unterwegs war. „Unsere Waffe war eine Pfefferdose“, berichtet Hermine. Einmal jagten ihnen zwei große Männer, bekleidet mit schwarzen Mänteln und Hüten, Angst ein, die eilends vom Berg heruntermarschierten. „Es müssen zwei Schmuggler gewesen sein. Wir jauchzten und hofften, sie mit dem Lärm zu vertreiben.“ Die Rechnung ging auf. „Die Männer kehrten um in Richtung Litzner Sattel.“

Im Gedächtnis haften geblieben ist den Schwestern auch der Baron Haus, der oft zu ihnen auf die Hütte kam. „Einmal war er den ganzen Sommer bei uns. Er hat fotografiert und war auch in der Nacht unterwegs.“ Anneliese muss schmunzeln. „Der Baron lernte uns, wie man Tomaten isst. Er sagte: ,Kinder, ihr müsst in sie wie in einen Apfel hineinbeißen.‘“ Die Gäste interessierten die Kinder aber nicht sonderlich. Denn meistens waren Anneliese und Hermine ins Spiel vertieft. „Wenn wir uns bei Mama mal beklagten, dass uns langweilig ist, sagte sie: ,Langeweile, das gibt es bei uns nicht. Gehts Gras rupfen für die Ziegen.‘“ Annelies ergänzt: „Wir mussten nicht viel arbeiten. Manchmal habe ich Ansichtskarten an die Touristen verkauft.“
Eltern vermisst
Als die Mädchen ins Schulalter kamen, waren sie nur mehr in den Ferien auf der Hütte und hin und wieder an den Wochenenden. Die Hüttenwirte vertrauten ihre Kinder Freunden und Verwandten an. „Wir hatten es gut am Land. Aber wir mussten mehr folgen als bei unseren Eltern“, berichten die Schwestern. Freilich: Die Mädchen vermissten Mama und Papa. Der Abschiedsschmerz war immer groß. „Einmal hat uns Papa zum Trost ein Spiel mit Klötzen geschenkt“, erinnert sich Hermine. Die Schwestern freuten sich immer sehr auf die Schulferien. „Man ist im Sommer gerne hochgegangen. Manchmal haben wir aber zum Stausee hinuntergeschaut und uns gedacht: ,Jetzt wäre es schön im Schrunser Schwimmbad.‘“
