Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Spinnen

Vorarlberg / 02.08.2021 • 07:30 Uhr

Ein weites Feld, ich weiß wenig.
Alles, was ich weiß, hat mir unser Sohn Oliver erzählt, studierter Arachnologe. Ihn haben Spinnen schon als Kindergartenkind interessiert. Seine Doktorarbeit handelte vom Nervensystem einer bestimmten Spinnenart.
Was mich am meisten faszinierte war seine Mitteilung, dass das Hirn einer Spinne bis zu 15 % der Körpermasse ausmacht, manche kleine Spinnen haben ein Gehirn, das bis in die Beine reicht. Sie können andere Lebewesen aber nicht als Individuum erkennen.
„Mein lieber Schwan“, konnte ich nur sagen. Ich müsste, um zu begreifen, ein Studium beginnen. Wenn ich nicht bloß schon so verbraucht vom vielen Denken wäre!

„Nur unser Anton, der schrie um Hilfe, verkrampfte sich und wollte nie mehr in dieses Zimmer zurück.“


Einmal, als Oliver als Spinnenwart in der Uni eingeteilt worden war, fragte er mich, ob ich ihn in den Spinnenkeller begleiten will. Wenn ich keine Angst hätte. Ich sagte angeberisch ja, auch, um als unbesiegbare Mama aufzutreten. Aber dann … Im Spinnenkeller war ich überfordert. Ich konzentrierte mich und riss mich am Riemen, wie man so sagt. Nur hatte ich keinen Riemen. Ich fühlte mich ausgeliefert. Die fetten haarigen Spinnen an der Decke … Ich griff nach der Hand meines Sohnes, und er drückte sie.
„Willst du die Fütterung noch abwarten?“ fragte er. „Oder sollen wir gegen?“
Ich wollte, ich nickte.

Oliver benützte eine Pinzette mit gebogener Spitze, eine ziemlich große, er fasste sich die Heuschrecken, die Schaben und was immer, ich wagte keinen Blick. Dann führte er mich hinaus aus der Höhle wie ein Kind. Er war der Meister.
„Mama, ich bring dir ein Glas Wasser.“
Als Oliver mich einmal in den Garten zog, da war er noch ein Hosenmatz gewesen, und mir eine Kreuzspinne zeigte, eine Gartenkreuzspinne – das Kreuz besteht aus hellen Flecken und ist eindeutig als solches zu erkennen –, riss ich ihn ins Haus, las in Brehms Tierleben nach: Die vorne am Kopf sitzenden Giftklauen seien zu kurz, um in die menschlicher Haut einzudringen.

Als unser Enkel Anton wieder einmal in den Ferien bei uns war, wusste ich nicht, dass er Angst vor Spinnen hat. In unserem Holzhaus fühlen sich Spinnen wohl, besonders die Hauswinkelspinne ist ein gern gesehener Mitbewohner. Sie vertilgen Stechmücken und Motten. Eine Kreuzspinne frisst bis zu zwei Kilo Insekten im Jahr – Auskunft Oliver. Also ist die Spinne ein Nutztier.
Nur unser Anton, der schrie um Hilfe, verkrampfte sich und wollte nie mehr in dieses Zimmer zurück.
Ich versuchte, ihm zu erklären, zeigte ihm Spinnennetze im Lexikon, erzählte ihm, dass sie aus klebrigen Seidenfäden gebaut sind, die die Spinne mit ihrem Hinterleib bildet.
„Ein Wunderwerk, Anton“, sagte ich. „Und schau, Anton, jetzt, wo bald der Herbst kommt, kannst du sehen, wie Spinnennetze zu Kunstwerken werden, wenn am Morgen die Tautropfen wie Perlen an den Netzen hängen.“
Anton sagte: „Du vielleicht Oma, willst dir das ansehen, ich
nicht.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.