Die neue grüne Spitze im Interview: “Besitzen Sie ein Auto?”

Eva Hammerer und Daniel Zadra sprechen über ihre Pläne für die Zukunft.
Feldkirch Daniel Zadra und Eva Hammerer bilden das neue Spitzenduo der Vorarlberger Grünen. Sie wurden am Samstag in Feldkirch von der Landesversammlung mit 98,71 Prozent Zustimmung gewählt. Weitere Kandidaten gab es nicht. Mit dem 36-jährigen Zadra und der 45-jährigen Hammerer steht erstmals ein gleichberechtigtes Duo an der Parteispitze. Sie lösen den 62-jährigen Johannes Rauch ab, der den Grünen seit 1997 vorstand. Das Spitzenduo will bei der nächsten Landtagswahl den Stimmenanteil von 18,9 Prozent auf 24 Prozent steigern. Dafür wollen Hammerer und Zadra das grüne Grundsatzprogramm schärfen und neue Bevölkerungsschichten ansprechen. Man wolle die Wirtschaft und Menschen aus der Zivilgesellschaft einbinden, die sich mehr Klimaschutz wünschen, und in den Talschaften auf die Menschen zugehen. Im VN-Interview blickt die neue grüne Spitze in die Zukunft.
Johannes Rauch war 24 Jahre Parteichef. Sie wären dann 60 Jahre alt, Herr Zadra. Es könnte sich also ausgehen.
Zadra: (lacht) Es ist kein Lebensziel, die magische Marke von Johannes Rauch zu überschreiten. Wir sind jetzt einmal für drei Jahre gewählt, das ist der Planungshorizont. So lange die Leidenschaft brennt, so lange kann man es machen.
Wann ist bei Ihnen die Leidenschaft für Politik entstanden?
Hammerer: Ich war schon immer ein politischer Mensch. Es hat aber lange die Zeit gefehlt, mich zu engagieren. Dann bin ich in die Gemeindepolitik und habe gleich gemerkt: Das ist es.
Zadra: Bei mir ist die Leidenschaft schon in Kindestagen geweckt worden. Meine Großeltern in Lustenau kommen aus einem sehr liberal-freiheitlichen Haus. Da hat es als Jugendliche mit der Oma heftige Debatten gegeben, ich habe ganz andere Standpunkte eingenommen.
Haben Sie politische Vorbilder?
Hammerer: Bei den Grünen, gerade als Frau, tut man sich derzeit schwer, eines auszusuchen. Leonore Gewessler macht einen Spitzenjob, Sigi Maurer steht wie ein Fels in der Brandung, Alma Zadić setzt sich im Justizbereich gegen wirkliche Kaliber durch. Momentan gibt es eine große Auswahl an Vorbildern.
Zadra: Wenn man ganz groß denkt, faszinieren mich Personen, die es schaffen, eine Vision zu kanalisieren und damit Hoffnung zu erzeugen. Barack Obama hat das mit einem Wort geschafft: Change! Das fasziniert mich.

Sie bilden nun die Doppelspitze, wie es sie in Deutschland schon gibt. Dort hat die Kür der Spitzenkandidatin nicht ganz reibungslos funktioniert. Wird das in Vorarlberg anders sein?
Hammerer: Wir möchten zeigen, dass die Aufteilung von Macht und Führungspositionen ein Zukunftsmodell ist. Alle Menschen wie Politiker oder in der Wirtschaft müssen lernen, dass man das zusammen schaffen kann. Es muss möglich sein, und der Kompromiss kann auch die stärkere Lösung sein.
Zadra: Wir sind zutiefst überzeugt, dass die besseren Lösungen bei einer Doppelspitze rauskommen. Wenn es dazu kommt, jemandem den Vortritt zu lassen, werden wir das gut lösen, da habe ich gar keine Angst.
Als Grüne wäre es folgerichtig, bei gleicher Qualifikation der Frau den Vortritt zu lassen.
Zadra: Es ist natürlich so, dass wir dafür stehen, dass wir Frauen in Führungspositionen brauchen. Dafür trete ich auch ein.
Hammerer: Es könnte auch eine dritte Person sein.
Es wäre schon außergewöhnlich, wenn es niemand von Ihnen wird.
Hammerer: Man muss sich überraschen lassen.
Zadra: Es ist noch einmal eine Wahl dazwischen, in drei Jahren haben wir wieder Parteitag.
Bei den Vorarlberger Grünen dürfte eher kein Aufstand zu erwarten sein.
Zadra: Als Johannes Rauch vor 24 Jahren die Partei übernommen hat, gab es noch zwei Lager. Diese Zeiten haben wir völlig hinter uns gelassen. Wir sind eine geeinte, geschlossene, starke Partei. Wir wollen die Partei noch öffnen und Personen einbeziehen, die noch dem einen oder anderen Punkt kritisch gegenüberstehen. Wir haben nämlich viel zu tun: Wir haben gerade brutale Unwetter gesehen. Hagelereignisse haben in Österreich innerhalb von wenigen Stunden 50 Millionen Euro Schaden verursacht.


Was kann ein kleines Land wie Vorarlberg im Kampf gegen den Klimawandel überhaupt ausrichten?
Hammerer: Dinge aus Vorarlberg in die Welt hinaustragen. Wir haben jetzt schon Vorreiterfirmen. Wir haben zwar keine Rohstoffe und keine billigen Arbeitskräfte, aber ein riesengroßes Know-how.
Zadra: Wenn ich mir zum Beispiel anschaue, wie ein Vorarlberger Seilbahnkonzern sein Geschäftsfeld erweitert oder sogar ändert und für klimafreundliche Stadtmobilität sorgt, zeigt es, was möglich ist. In Großstädten Südamerikas verbinden Seilbahnen den Stadtkern mit den Rändern, es ermöglicht also auch eine sozial gerechte Mobilität. Das ist eine Win-Win-Situation. In solche Technologien müssen wir in Vorarlberg investieren und manche alten Dinge dann halt auch loslassen können.
Der besagte Seilbahnhersteller könnte auch von Dornbirn in den Bregenzerwald eine Bahn bauen.
Zadra: Man muss sich genau anschauen, wo es Sinn macht. Auch hier im Land. Aber ich sehe es stärker im urbaneren Raum.

Wo müssen denn alte Dinge losgelassen werden?
Hammerer: Es ist gerade das Schwierige, altes Denken loszulassen. Man meint, das Altbewährte gibt Sicherheit. Aber wir spüren schon jetzt, dass diese alten Konzepte das Gegenteil von Sicherheit bieten. Die Temperaturen steigen, es gibt starke Unwetter, die Bildungsschere geht weiter auseinander, die Schere zwischen Arm und Reich ebenfalls. Darum braucht es neue Lösungen in all diesen Bereichen. Zum Beispiel ein Wirtschaftssystem, das nicht auf Profitmaximierung einiger weniger, sondern auf das Wohlergehen möglichst vieler ausgerichtet ist.
Widersprechen sich Klimapolitik und Sozialpolitik?
Hammerer: Nein, im Gegenteil, das muss immer zusammengedacht werden. Eines ist wichtig: Klimapolitik ist für Klimaschutz und ersetzt niemals die Sozialpolitik. Wir brauchen eine ehrliche und gute Sozialpolitik, damit die Leute wieder genug verdienen, damit man nicht weit über die Hälfte fürs Wohnen ausgeben muss. Und da muss ich auch wieder die Bildungspolitik nennen. Bildung schützt vor Armut.
Zadra: Und es mehren sich ja die durchschaubaren Angriffe, die versuchen, Klimapolitik und Sozialpolitik gegeneinander auszuspielen. Das sieht man ganz gut bei der Wirtschaftskammer, die plötzlich zur Sozialaktivistin wird, wenn es um Klimaschutz geht. Aber das geht Hand in Hand.

Sie erwähnen die Wirtschaft. Was könnte da sofort getan werden?
Zadra: Wie schaffen wir es beispielsweise, hoch energieintensive Unternehmen wie die Voest Alpine, auf Klimaneutralität zu bringen? Es braucht die notwendige Technologie dazu, aber auch messerscharfe Vorgaben. Das kann man runterskalieren bis zu Einpersonenunternehmen: Wie schaut der Fuhrpark aus zum Beispiel? Da gibt es viel Unterstützung der Automobilindustrie.
Die Autobranche baut zwar mehr Elektroautos, aber eben auch wieder SUV oder große Sportwagen, wie Tesla das tut. Das ist nicht wirklich energiesparender, oder?
Hammerer: Ja, das geht ein bisschen am Sinn der Sache vorbei. Aber insgesamt soll ja das Elektroauto nicht jedes Auto ersetzen, das herumfährt. Der öffentliche Verkehr muss so ausgebaut werden, dass man gut umsteigen kann. Auch im Fahrrad ist noch extremes Potenzial.
Besitzen Sie ein Auto?
Zadra: Ich habe ein gemeinsames Auto mit meiner Partnerin, eine Familienkutsche, ein Benziner.
Hammerer: Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie ein Auto gekauft. Aber ich bin Mitbesitzerin eines alten VW-Busses, in dem Oldtimer steckt ganz viel Herzblut von meinem Mann. Es ist ein Diesel, ein Neunplätzer. Was anderes konnten wir uns damals auch gar nicht leisten. Wir sind aber vor allem mit unseren Lastenrädern unterwegs, auch wenn es regnet. In seltenen Fällen leihe ich mir den kleinen Fiat von meiner Mutter.

Glauben Sie eigentlich daran, dass die S18 irgendwann tatsächlich gebaut wird?
Zadra: Wir diskutieren dieses Thema schon länger als ich auf der Welt bin. Mir wurde auch jetzt noch nie ein konkreter Plan vorgelegt. Die S18 ist derzeit nicht mehr als ein Strich in der Landschaft. Wir sind sicher noch Jahrzehnte davon entfernt.
Hammerer: Man darf auch nicht so tun, als wäre die CP-Variante die schnellere Lösung. Es wird noch sehr lange dauern.
Sehr lange? Oder kommt sie erst gar nicht?
Hammerer: Wir sind keine Hellseher. Aber die Diskussion beginnt ja schon wieder. Sie zeigt, dass es nicht zielführend ist, quer durchs Ried zu betonieren.

Sie haben vorhin die Bildung angesprochen. Aus der Modellregion ist ja nichts geworden …
Hammerer: … das stimmt nicht! Die gemeinsame Schule gibt es noch nicht. Aber die Chancen sind groß. Dass Projekt hat in aller Deutlichkeit gezeigt, dass das aktuelle System nicht optimal ist. Aber wenn sich die Fronten verhärten, bekommen wir gar kein Ergebnis mehr. Wenn man von heute auf morgen die Gymnasien abschaffen würde, dann würde man viel zu viele vor den Kopf stoßen. Beim Projekt der Modellregion sind viele gute Sachen herausgekommen, die zur Chancengerechtigkeit beitragen. Jetzt geht es darum, im Austausch zu bleiben und die vielen Vorteile der gemeinsamen Schule in die Köpfe reinzubringen. Es wird automatisch kommen, weil es das bessere Modell ist. Aber große Veränderungen brauchen Zeit.
Es war ein fixierter Zehnjahresplan.
Hammerer: Da ist ganz klar der Koalitionspartner gefordert. An uns Grünen scheitert es sicher nicht.
Das gilt vor allem für die Bundesebene?
Hammerer: So leicht ist es nicht. Man kann nicht einfach der Bundesebene die Schuld zuschieben. Wir können sofort an jedem Gymnasialstandort ein Modellprojekt starten. Aber da braucht es Zeit und Überzeugungsarbeit.

Ich möchte mit Ihnen noch ein kurzes Themen-Stakkato durchführen. Erstens: Gesetzlich festgelegter Mindestlohn?
Zadra: Ja.
Wie hoch?
Zadra: Das ist regional unterschiedlich. Der im Burgenland ist anders als der in Vorarlberg. Man muss von einer Vollzeitstelle gut leben können.
Hammerer: Das hat auch mit den Wohnpreisen zu tun. Das Wohnen nimmt so viel Platz ein, dass es mit dem Lohn mitdiskutiert werden muss.
Mietpreisdeckel?
Zadra: In Kombination mit anderen Sachen: Ja. Aber er löst die Probleme nicht alleine, es braucht noch andere Ansätze.
Hammerer: Die Antwort lautet also: Ja, auch.
Was wären andere Ansätze?
Hammerer: Offene Köpfe! Es gibt vieles, was funktionieren könnte, genossenschaftliche Modelle zum Beispiel. Baurechtsmodelle, damit der Bodenpreis wenigstens niedrig ist. Der Hut brennt.
Zadra: Man muss den sozialen Wohnbau massiv ausbauen. Da werden Mieten angeboten, die auch den Markt ein bisschen nach unten drücken. Das Angebot in Vorarlberg ist noch nicht groß genug, da gab es in den letzten 30 Jahren viel Versäumnisse, die man jetzt aufholt. Da muss man auch die privaten Wohnbauträger in Verantwortung nehmen.
Die Zahl der gebauten gemeinnützigen Wohnungen ist 2019 und 2020 wieder zurückgegangen.
Zadra: Sie war sehr hoch, jetzt haben wir eine kleine Delle. Gerade kürzlich hat Landesrat Marco Tittler zugesagt, dass das Programm wieder nach oben geht. Wir werden darauf pochen.

Legalisierung von Cannabis?
Zadra: Ich stehe für eine Entkriminalisierung. Es macht keinen Sinn, Jugendliche zu kriminalisieren und deren Fortgang im Leben schwieriger zu machen.
Hammerer: Man sollte den Fokus endlich auf die Frage richten, wie es der Jugend geht. Was ist los, dass sich Cannabis so ausbreitet?
Vereinigte Staaten von Europa?
Hammerer: Klingt romantisch.
Zadra: Ein hehres Ziel. Und man braucht große Ziele.

Impressionen vom Landesparteitag der Grünen

v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
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Eva Hammerer 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
Sigrid Maurer 
Rede Johannes Rauch 
Rede Johannes Rauch 
Rede Johannes Rauch 

Rede Johannes Rauch 
v.l. v.l. Eva Hammerer, Katharina Wiesflecker, Johannes Rauch, Daniel Zadra, Werner Kogler und Sigrid Maurer 
v.l. Johannes Rauch, und Katharina Wiesflecker, 
Rede Johannes Rauch 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Johannes Rauch, und Katharina Wiesflecker, 
v.l. Rede Werner Kogler und Katharina Wiesflecker, 
v.l. Johannes Rauch, und Katharina Wiesflecker, 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
Nina Tomaselli 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
Nina Tomaselli 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra und Johannes Rauch 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Katharina Wiesflecker, Eva Hammerer, Daniel Zadra und Johannes Rauch 
Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
v.l. Eva Hammerer und Daniel Zadra 
Rede Werner Kogler 
Rede Werner Kogler 
Rede Werner Kogler 
Eva Hammerer 
Rede Werner Kogler
Fotos: VN/Stiplovsek