Michael Hämmerle: vom Spitzensportler zum Arzt

Vorarlberg / 16.06.2021 • 16:45 Uhr
Michael Hämmerle: vom Spitzensportler zum Arzt
Neo-Doktor Michael Hämmerle mit seinen Brüdern Luca und Alessandro. OLIVER LERCH

Michael Hämmerle war als Snowboarder erfolgreich. Jetzt hat er in Rekordzeit sein Medizinstudium absolviert.

Gaschurn Seinen zwei jüngeren Brüdern ist Michael Hämmerle (29) ein Wegweiser. Mit 10 Jahren begann der Gaschurner zu snowboarden. Seine Begeisterung für den Snowboardcross-Sport mündete in einer beachtlichen Karriere. Innerhalb weniger Jahre wurde „Gino“ (so sein Spitzname) vom „Nobody“ im Snowboard-Business zum Vize-Juniorenweltmeister, was zu einem seiner größten sportlichen Erfolge zählt: die Silbermedaille bei der Junioren-WM 2009 in Nagano. Auch der zweite Platz im Gesamt-Europacup, der dritte Platz im Weltcup-Teambewerb, die zwei Siege im Europacup, die fünf Top-Ten-Platzierungen im Weltcup und der Gewinn des österreichischen Meistertitels bedeuteten Michael viel.

Talent hoch Drei! Die Hämmerle-Brüder haben den Snowboard-Weltcup aufgemischt.
Talent hoch Drei! Die Hämmerle-Brüder haben den Snowboard-Weltcup aufgemischt.

Alessandro („Izzy“) und Luca („Hämsn“) eiferten ihrem großen Bruder nach und legten sogar noch ein Schäuferl nach. Sie erzielten im Snowboardcross-Sport noch größere Erfolge als Michael und sind heute fixe Größen im Weltcupzirkus.

Michael hingegen beendete seine Karriere frühzeitig. Im Dezember 2013 – zwei Monate vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi – verletzte er sich beim Training schwer. Er erlitt einen Kreuzbandriss. „Für mich brach damals eine Welt zusammen. Ich war am Boden zerstört.“ Er verlor sich in Grübeleien: Wie geht es jetzt weiter? Was ist, wenn ich nicht mehr fit werde? „Alles, worauf ich zehn Jahre lang hingearbeitet hatte, wackelte jetzt.“ Die Verletzung heilte lange nicht aus. „Ich war über ein Jahr gehandicapt.“ Danach konnte er zwar wieder Rennen fahren, aber er erreichte keine Spitzenplätze mehr. „Die sportlichen Ergebnisse waren ernüchternd. Ich musste einsehen, dass ich nicht mehr in derselben Liga mitfahren konnte.“

Das bewog ihn dazu, sich beruflich umzuorientieren. Wegen seiner Verletzung war Michael über Monate in medizinischer Behandlung. In dieser Zeit reifte in ihm der Wunsch, Arzt zu werden. „Ich war damals Patient und dachte mir: ,Es muss auf der anderen Seite schön sein, als Behandler.‘“ 2015 trat der Montafoner zum Medizin-Aufnahmetest an. Er bestand ihn auf Anhieb. Der ehemalige Profisportler studierte mit großem Eifer. Er beendete das Studium bereits im heurigen April und unterbot damit die Mindeststudiendauer um ein halbes Jahr. „Meine Eltern haben eine Flasche Champagner geköpft, als ich Anfang Mai mit dem Abschluss heimgekommen bin.“

Berufsziel Landarzt

Seit ein paar Wochen arbeitet der frischgebackene Doktor als Turnusarzt im Krankenhaus Zams in Tirol. „Jetzt bin ich kein Student mehr und habe auf einmal Verantwortung.“ Aber Michael ist kein Mensch, der Verantwortung scheut. Sonst würde er nicht praktischer Arzt werden wollen. „Ein Landarzt hat eine abwechslungsreiche Tätigkeit. Aber auf seinen Schultern lastet viel.“ Derzeit ist es ihm wichtig, in einem Umfeld zu arbeiten, „wo ich dazulernen und mir so viel Wissen wie möglich aneignen kann“. Denn ihm ist klar: Allgemeinmediziner brauchen ein besonders breites Wissen.

Der Spitalsalltag fordert Michael. Aber in ruhigen Minuten denkt er manchmal an seine Zeit als Spitzensportler zurück. Weil der Sport ein großer und schöner Teil seines Lebens war, kommt bei dem 29-Jährigen hin und wieder Wehmut auf. Er vermisst „den Adrenalin-Kick, den man am Start hat und die Erleichterung, wenn man ein schwieriges Rennen gewonnen hat“.  Dennoch: „Aus heutiger Sicht war meine Entscheidung richtig, die Sportkarriere zu beenden und Medizin zu studieren.“

Jetzt als Arzt ist Michael seinen Brüdern wieder ein Vorbild. Denn er zeigt ihnen, wie ein Leben nach der Karriere ausschauen kann. „Wenn du den Sport nicht mehr hast, hast du den Beruf und findest dort Erfüllung.“ Diesen für ihn beruhigenden Schluss zieht Luca (24) aus Michaels Werdegang. Alessandro (27), der wie Luca Betriebswirtschaft studiert, ist seinem älteren Bruder einfach nur dankbar. „Er zeigt uns wieder einen Weg, wie damals, als wir wie er Snowboarder wurden.“