Vorarlbergerin warnt vor den neuen Lagern auf Lesbos

Ärzte ohne Grenzen fordert Politik zum Handeln auf.
Schwarzach 180 Menschen behandelte Ärzte ohne Grenzen in den Jahren 2019 und 2020 in den psychologischen Kliniken auf den griechischen Inseln nach Selbstmordversuchen. Sie waren verletzt und schwer gezeichnet. Zwei Drittel, also 120, waren Kinder. Das jüngste war sechs Jahre alt. Zahlen wie diese präsentierte die Organisation am Donnerstag. Sie zog Bilanz von fünf Jahren Arbeit in den griechischen Flüchtlingslagern und warnte vor den neuen Lagern.
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180.000 Menschen haben laut Ärzte ohne Grenzen eine der fünf griechischen Inseln passiert. Die Lager auf Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos können zusammen rund 6000 Menschen aufnehmen. Derzeit leben noch 10.000 Menschen dort. „Das sind vor allem Familien. Darunter befinden sich viele Kinder unter zwölf Jahren“, berichtet Marcus Bachmann von der Organisation. Die Dornbirner Hebamme Julia Falkner ist erst Ende Mai aus Lesbos zurückgekehrt. Sie ergänzt: Zwar waren es vor einem Jahr sogar 40.000 Menschen, die Situation sei aber noch immer verheerend. „Ich habe Flüchtlingslager im Sudan und im Irak gesehen. Aber die Zustände auf Lesbos sind nicht zu vergleichen.“ Sie ist im Winter angekommen. „Es war eiskalt.“ Alte Elektroöfen und ein desolates Stromnetz sorgten immer wieder für Kabelbrände. „Jetzt ist es extrem heiß geworden. In Zelten von zehn Quadratmetern leben sechs Menschen, ohne Bereiche, um sich abzukühlen.“ Die Menschen hätten jegliche Kontrolle über ihr Leben verloren, fährt Falkner fort. Drei Stunden pro Woche dürfen sie raus, sie werden auf eine Nummer reduziert und müssen für grundlegende Dinge ewig anstehen. “Sie zerbrechen daran.“
Viele mit positivem Bescheid
Ein Ende ist nicht in Sicht, auch nicht für Menschen mit positivem Asylbescheid, sagt Marcus Bachmann. „Fast ein Viertel der Menschen hat einen gültigen Asylstatus oder Schutzstatus. Aber sie kommen nicht weg.“ Der Zustand sei gewollt, er soll der Abschreckung dienen. Die griechische Regierung baut neue Lager. 120 Millionen Euro zahlt die EU dafür, doch Ärzte ohne Grenzen fürchtet eine weitere Verschlechterung. „Wenn wir auf das erste Lager auf Samos blicken, sehen wir, dass selbst der Kinderspielplatz mit Stacheldraht umzäunt ist“, sagt Bachmann. In den neuen Lagern soll komplettes Ausgangsverbot herrschen. Schon jetzt dürfen Journalisten die Lager nicht betreten. In den neuen Lagern wird auch der Zugang für Hilfsorganisationen limitiert.
Neos-Nationalratsabgeordnete Stefanie Krisper war kürzlich auf Lesbos. Sie erzählt, weshalb Information wichtig ist. „Die Verantwortlichen vor Ort erzählten uns, dass 6000 Menschen in 30 Minuten ihr Essen bekommen, dass es kaum Konflikte gibt und sexuelle Gewalt kein Problem darstellt. Von den Betroffenen hörten wir ganz andere Dinge.“ Auch sie berichtet von Zelten, so heiß wie Backöfen; von einer Orange als Frühstücksration. “Im Bewusstsein der europäischen Ebene werden inhumane, foltergleiche Zustände prolongiert, was fassungslos macht, auch weil viele Milliarden nach Griechenland geflossen sind.” Krisper fordert, die Lager zu evakuieren. “Innenminister Nehammer soll sich für einen solidarischen Verteilungsschlüssel einsetzen und beim Relocation-Programm mitmachen.” Die Neos haben das Thema im Landtag auf die Agenda gesetzt. VN-mip